Diese Homepage ist Lothar Böhnisch gewidmet und wird laufend aktualisiert. Seine Arbeitsfelder werden von befreundeten Kollegen und Kolleginnen vorgestellt.

Questa homepage è dedicata a Lothar Bohnisch e viene costantemente aggiornata. I temi centrali della sua opera vengono presentati da colleghe e colleghi amici.

This homepage is dedicated to Lothar Böhnisch und will be updated regularly. His research topics are presented by friends and colleagues.

Richard Krisch
Karl Lenz
Werner Schefold
Wolfgang Schröer

Männlichkeit im Wandel



Karl LenzEin Beitrag von Karl Lenz

Lothar Böhnisch ist in Deutschland einer der Pioniere der Männerforschung. Die Männerforschung stand lange Zeit im Schatten der Frauenforschung. Hier fehlte die Basis einer sozialen Bewegung, die für die Frauenforschung eine treibende Kraft war. Zwar kann argumentiert werden, dass die Humanwissenschaften durch ihre Objektivierung des Männlichen – wie schon früh scharfsinnig Georg Simmel (1985) zeigte – zum Allgemein-Menschlichen, immer schon Männerforschung waren. Auch wenn diese Einseitigkeit nicht zu leugnen ist, waren sie aber doch eine Wissenschaft ohne Geschlecht, die zwar von Männern betrieben und am Manne ausgerichtet war, in der aber der Mann nicht als Mann thematisiert wurde. Erst durch die Frauenforschung wurde dieser männliche Bias in der Wissenschaft und überhaupt Geschlecht als Strukturkategorie sichtbar gemacht.

Von einer eigentlichen Männerforschung kann man erst dann sprechen, wenn das Geschlecht explizit zum Gegenstand gemacht wird und zugleich die Dominanzverhältnisse in der Geschlechterordnung in die Analyse einbezogen werden. Damit geht der Anspruch einher, eine Veränderung der Geschlechterordnung zu bewirken. Eine kritische Männerforschung, so schreiben Lothar Böhnisch und Reinhard Winter (1993, S. 90), ziele darauf ab, "die anthropologischen, psychischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungen für ein anderes Mannsein, eine andere Würde des Mannes zu analysieren und zu formulieren". Lothar Böhnisch ging es zunächst vor allem um die männliche Sozialisation; aufgezeigt werden sollten die Bewältigungsprobleme von Männern im Lebenslauf. Später verlagert sich sein Interesse – ohne dieses frühe Thema aufzugeben – auf die Untersuchung der Frage, wie sich das Mannsein im entbetteten Kapitalismus verändert hat. Diese zweite Phase soll im Weiteren im Zentrum stehen.

Für Lothar Böhnisch ist die Männerforschung kein Nebenschauplatz der Geschlechterforschung, sondern der Analyse des Mannseins kommt eine zentrale Bedeutung für die Analyse der Geschlechterordnung zu.

"Vielleicht könnte man sogar sagen, dass nach der grandiosen Zeit, in der die Geschlechterfrage von der Frauenforschung immer wieder neu angestoßen und weiterentwickelt worden ist, ein männlicher Beitrag an der Reihe ist, nicht so sehr der theoretischen Gleichstellung wegen, sondern vor allem, weil – angesichts der ambivalenten Entwicklungen im digitalen Kapitalismus, angesichts der Spaltungen von systemischen und lebensweltli­chen Prozessen – die Männerfrage zwangsläufig den Schlüssel für die weitere Entwicklung des Geschlechterdiskurses darstellt" (Böhnisch 2003, S. 12).

Die Männerforschung kann einen wichtigen Beitrag leisten, da im männlichen Lebenszusammenhang die aktuellen Veränderungsprozesse der Geschlechterordnung stärker als im weiblichen sichtbar werden und deshalb für die Geschlechtertheorie im besonderen Maße erkenntnisgenerierend sind. Für ihn ist das "Phänomen der Entgrenzung der Männlichkeit der strategische Ort, von dem die Zukunft des Mannseins und des Geschlechterverhältnisses‚ (…) thematisiert werden kann" (Böhnisch 2003, S. 13).

Der Konstruktivismus als die der Geschlechterforschung dominante Theorieperspektive reicht für die Erklärung der Umbrüche des Mannseins in der Gegenwart nicht aus. Böhnisch konstatiert zwar, dass der Konstruktivismus Grenzen des Feminismus aufzeigen konnte, jedoch "wird auch deutlich, dass diese theoretische Perspektive für die historisch-theoretische Aufklärung der Entwicklung von Männlichkeit zu wenig hergibt. Das entscheidende Problem ist doch nicht, dass Männer und Frauen zu Ungleichen gemacht werden, sondern warum, aus welchem historisch-gesellschaftlichen Interesse heraus sie dazu gemacht werden" (Böhnisch 2003, S. 9). Für eine angemessene Erklärung bedarf es zugleich einer Gesellschafts- und Subjekttheorie.

Zur Analyse der gesellschaftlichen Hintergrundsstruktur des Mannseins

Im Zentrum seiner kritischen Männertheorie steht die These, dass die Entwicklung des Industriekapitalismus Wandlungen der Geschlechterordnung hervorbringe. In der im Rahmen des Feminismus breit geführten Debatte über das Verhältnis von Kapitalismus und Patriarchat positioniert sich diese Theorie zugunsten eines Vorrangs des Wirtschaftssystems. Durch die Modernisierung und Demokratisierung der Gesellschaft habe sich auch die Geschlechterordnung modernisiert und demokratisiert. Die gesellschaftshierarchische Arbeitsteilung als Struktur der Industriegesellschaft hat sich allerdings in diesem Prozess nicht aufgelöst. Für eine theoretische Aufschließung der Männerfrage im fortgeschrittenen Kapitalismus ist es notwendig, die Ambivalenz von kultureller Freisetzung und ökonomischer Intensivierung in ihrer Wirkung auf die Geschlechterhierarchie zu analysieren. Da sich die Umbrüche stärker am Mannsein als am Frausein kristallisieren, könne eine Analyse der Männlichkeit einen zentralen Beitrag für die Entwicklung einer Geschlechtertheorie leisten. Die vor allem durch die Forcierung des Wirtschaftssystems ausgelöste Entgrenzung der Männlichkeit ist für ihn auf der Ebene der Sozialstruktur das zentrale Phänomen.

In diesem Zusammenhang setzt sich Böhnisch mit dem weit über die Männerforschung hinaus rezipierten Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Robert W. Connell auseinander. In Connells eigenen Worten kann man unter hegemonialer Männlichkeit "jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis definieren, welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimationsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet (oder gewährleisten soll)" (Connell 1999, S. 98). Die hegemoniale Männlichkeit ist variabel und wird dadurch bestimmt, was – bezogen auf die Ungleichheit in der Machtrelation der Geschlechter und auch zwischen Gruppen von Männern – unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen möglich und erreichbar ist. Die Vorteile die Männer – nicht nur der, die das hegemoniale Muster vollständig umsetzen – aus der hegemonialen Männlichkeit ziehen können – bezeichnet Connell (1999, S. 100) als "patriarchale Dividende". In sein Analysemodell zieht Connell das Wirtschaftssystem zwar ein, deutlich wird aber, dass es für die Bestimmung der hegemonialen Männlichkeit nur eine Randbedingung ist. Bei der hegemonialen Männlichkeit handelt es sich um ein kulturelles Orientierungsmuster, für das die Relation der Kulturdimension und der Handlungspraxis zentral ist. Das Konzept bleibt – so die Kritik von Böhnisch (2003, S. 63) – einem konstruktivistischen Erbe verhaftet und erreicht dadurch "den ökonomisch-gesellschaftlichen Strukturkern der Entwicklung der Geschlechterverhältnisse nicht". Es greift zu kurz, "wenn es darum geht, die Ambivalenzen und Verdeckungen von Männlichkeit, die der digitale Kapitalismus freisetzt (…) auszuschließen" (Böhnisch 2003, S. 65).

Für Böhnisch kann die Geschlechterordnung nur dann angemessen analysiert werden, wenn sie in die dominante Struktur des Wirtschaftssystems eingebettet wird. Das zentrale Konzept bei der Erfassung des Wirtschaftssystems der Gegenwart ist der digitale Kapitalismus. In den letzten Jahrzehnten haben sich grundlegende Veränderungen ergeben, die es notwendig machen, diese neue Qualität zum Ausgangspunkt der Analyse zu machen. Die Hauptkomponente des digitalen Kapitalismus ist die ökonomisch-technologische Rationalisierung und die damit verbundene Tendenz der Substitution des Humankapitals einerseits sowie der Globalisierung durch Prozesse der sozialen Entbettung und Abstraktion andererseits. Dadurch werde eine Tendenz zur Entgrenzung des ökonomischen und sozialen Grundverhältnisses des Industriekapitalismus hervorgebracht; soziale Regulierungsmechanismen der Arbeitsbeziehungen werden zunehmend abgebaut. Wie die Betroffenen damit zurecht kommen, wird immer stärker zu einem individuellen Problem gemacht. Die Rationalisierung und Flexibilisierung der Produktion führt dazu, dass sich normale Arbeitsverhältnisse – in Form eines lebenslang ausgeübten Berufs, einer tariflichen Absicherung und der Normalarbeitszeit – immer stärker auflösen.

Dieser tief greifende Wandel des Wirtschaftssystems hat eine unmittelbare Auswirkung auf die Geschlechterordnung. Rigide und starre Geschlechterrollen, wie sie für die Entstehungsphase des Kapitalismus und weiter hinein in das 20. Jahrhundert gängig waren, kann es im neuen Kapitalismus nicht mehr geben. Eine Fortschreibung der Aufteilung der Zuständigkeitsbereiche nach diesem bürgerlichen Muster – nach dem der Mann für die Erwerbsarbeit und die Frau für Familie, Haushalt und Reproduktion zuständig ist – würde der immer mehr voranschreitenden Intensivierung der Nutzung der Arbeitskräfte die Hälfte des Arbeitskräftepotenzials entziehen und steht damit der Wirtschaftsrationalität entgegen. Vielfach wird verkannt – so Böhnisch - dass der mächtigste Druck auf die Geschlechterordnung von den neuen Anforderungen des digitalen Kapitalismus ausgehe.

Aber nicht nur starre Rollenvorgaben brechen auf. Der entbettete und beschleunigte Kapitalismus ist auch nicht mehr "auf die massenhafte Inkorporation" der Männer (Böhnisch 2003, S. 28) angewiesen. Es komme zu einer folgenreichen Entkoppelung dieser Geschlechterklassen von dem Grundprinzip des Wirtschaftens, das männlich bestimmt und deshalb kurz gefasst als männliches Prinzip bezeichnet werden kann. Das männliche Prinzip, die unbedingte Wachstumsorientierung der Externalisierung wirke zwar – intensiver denn je – im digitalen Kapitalismus weiter. Allerdings ist dieses Prinzip nun losgelöst von den Menschen und vor allem losgelöst von den Männern. Der digitale Kapitalismus stellt das tradierte Männlichkeitsbild in Frage. Das normale Arbeitsverhältnis, das im staatlich regulierten Kapitalismus den zentralen Kern der Definition von Männlichkeit ausmachte, wird in der Gegenwartsgesellschaft in Frage gestellt. Bei arbeitslosen Männern sowie bei Männern in unsicheren und unterbezahlten Beschäftigungsverhältnissen entfällt ein zentraler Anker der Männlichkeitsdefinition. Immer mehr Männer sind damit konfrontiert, dass ihre Arbeitsverhältnisse prekär werden, sich informalisieren und ihre Berufsbiografien zunehmend diskontinuierlich werden. Das gilt auch für Frauen. Allerdings haben sich Frauen weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart in dieser Ausschließlichkeit ihre Identitätskonstruktion auf die Arbeitswelt gestützt. Hinzu kommt, dass Frauen jenseits der Arbeitswelt gesellschaftlich anerkannte Rollen zur Verfügung haben. Auch wenn für sie der Verlust des Arbeitsplatzes gravierende psycho-soziale Folgen haben kann, haben sie immer noch die Möglichkeit, sich der Familie und dem Haushalt als Tätigkeitsbereich zuzuwenden und ihr Selbstwertgefühl an diesen Aufgaben abzustützen. Bei Männern dagegen bricht mit dem Wegfall der Berufsrolle das Fundament ihrer Männlichkeit weg.

Der digitale Kapitalismus bringt eine neue Leitfigur hervor, den "abstract worker". "Eine Figur ohne Geschlecht, besser gesagt, eine Figur, die ihre sozialen Bindungen und ihre Geschlechtszugehörigkeit in der Privatheit zurücklassen muss" (Böhnisch 2003, S. 43). Diese neue Leitfigur ist auch für Frauen zugänglich. Diese Sozialfigur als abstraktes Durchsetzungs- und Erfolgsmodell kann auch von Frauen übernommen werden; sie können den männlichen Habitus "auf ihre Art inkorporieren und transformieren, indem sie ihn modularisieren, das heißt 'weibliche Anteile' der Fürsorge mit männlichen Dominanzanteilen verbinden und kompensieren" (Böhnisch 2003, S. 32). In loser Anlehnung an Niklas Luhmann kann man also formulieren, für das neue Wirtschaftssystem ist die "Praxis der Nichtunterscheidung" bereits gängig; zum "Mann ohne Eigenschaften" gesellt sich die "Frau ohne Eigenschaften". Der digitale Kapitalismus braucht die "Masse Mann" nicht mehr, wie die hohe strukturelle Arbeitslosigkeit zeigt. Konstitutiv für den digitalen Kapitalismus ist lediglich das "männlich symbolisierte Prinzip der Externalisierung, des Wachstums ohne Bedenken, der Beschleunigung ohne Innezuhalten" (Böhnisch 2003, S. 50).

Unter diesen Wirtschaftsbedingungen ist das "Prinzip Männlichkeit (..) zum systemischen Prinzip" geworden. "Das Kapital ist somit nicht mehr auf das ausschließliche Bündnis mit den Männern angewiesen, nur noch auf eine sozial unabhängige Elite von global players, Wissensunternehmern, Kommunikationsmanagern, Publizisten, Börsianern, aber das können auch Frauen sein. Der geschlechtsneutrale Börsengang hat den maskulinen Cowboy abgelöst" (Böhnisch 2003, S. 50f).

Neu geschaffen wird unter diesen Wirtschaftsbedingungen ein Möglichkeitsraum für eine weibliche Hegemonialität. In der Erfolgskultur des digitalen Kapitalismus gibt es einen hegemonialen Frauentyp, der sich das Externalisierungsprinzip voll und ganz angeeignet hat. Die moderne Wirtschaft sucht die Figur des abstract workers quer durch die weibliche und männliche Welt; die Ökonomie gibt sich geschlechtsneutral.

Zur Analyse der personalen Tiefendynamik

Böhnisch kritisiert, dass der Konstruktivismus in der Geschlechterforschung das Subjekt weitgehend als black box auffasst. Notwendig ist aber für die Analyse des Mannseins die personale Tiefendynamik der Menschen einzubeziehen. Damit ist schon angedeutet, dass für ihn eine Anleihe bei der Tiefenpsychologie der gewählte Weg ist. Seine kritische Theorie der Männlichkeit stützt sich in ihrer Subjekttheorie vor allem auf die Psychoanalyse Sigmund Freuds, in Ansätzen auch auf die Individualpsychologie Alfred Adlers sowie in ihrer Freud-Tradition vor allem auf Donald W. Winnicott, Nancy Chodorow und Arno Gruen. In Fortschreibung der klassischen Tiefenpsychologie mahnt Böhnisch (2003, S. 15) die "Eigenkraft tiefenpsychischer und triebdynamischer Prozesse" an.

In der aktuellen Geschlechterforschung werde "um die Natur des Menschen immer wieder ein Bogen gemacht, wird das sozial nicht hinreichend Erklärbare am Menschen sozialwissenschaftlichen Tabus unterworfen, indem die anthropologische Differenz von Mann und Frau in einem mehr oder minder volontaristischen Akt im Sozialen aufgelöst wird" (Böhnisch 2003, S. 16).

Im Anschluss an Arno Gruen (1992) wird darauf hingewiesen, dass Frauen aufgrund ihrer (prinzipiellen) Gebärfähigkeit der Natur näher stehen als Männer. Daraus resultieren unterschiedliche "typische" Bewältigungsstrategien: Frauen können mit der inneren Hilflosigkeit wesentlich selbstbezogener umgehen als Männer. Männer dagegen neigen dazu, ihre Befindlichkeiten zu externalisieren. Sie stehen unter dem rigiden Zwang, ihre Bedürfnisse zu unterdrücken und die eigene Hilflosigkeit abzuspalten, auf andere zu übertragen und sie dafür verantwortlich zu machen. Diese Naturferne bringt es auch mit sich, dass sie stärker den Anforderungen des Industriekapitalismus ausgesetzt sind. Sie besitzen über dem Industriekapitalismus keine Alternative als zu funktionieren und verfügbar zu sein. Durch die Naturnähe können sich Frauen dagegen gegebenenfalls der Arbeitswelt entziehen, indem sie ihre "Naturkarte" ausspielen, d.h. Aufgaben als Mutter übernehmen bzw. deren Vorrang herausstellen.

Als ein archetypisches Muster bezeichnet Böhnisch die Verlegenheit des Mannes gegenüber der Frau. Er schließt sich an dieser Stelle einer individualpsychologischen Tradition an, die in der herausgestellten physiologisch-sexuellen Überlegenheit des Mannes eine Überkompensation eines männlichen Minderwertigkeitskomplexes sieht. Für Sophie Lazersfeld (1931), die diese These ausführlich behandelt, wurzelt dieser männliche Minderwertigkeitskomplex darin, "dass der Mann zur Entfaltung seiner physiologischen Potenz auch schon beim ersten Mal von Faktoren abhängig ist, die außerhalb seines Willens liegen, während die Frau physiologisch jederzeit fähig ist, ihren Entschluss zur Sexualvereinigung in die Tat umzusetzen". Und sie fährt fort: "Aus dem Bewusstsein des Mannes von der physiologischen Überlegenheit der Frau im sexuellen Genuss hat sich bei ihm ein ganzer Angstkomplex entwickelt, dessen Ausstrahlungen sich bis in die letzte Verästelung nicht nur unseres Sexual-, sondern des gesamten Kulturlebens fühlbar machen. Es ist die Angst vor dem Versagen, vor der sexuellen Niederlage" (Lazersfeld 1931, S. 79f). Diese "Urangst" des männlichen Geschlechts schlage in eine Verlegenheit gegenüber der Frau um. Wenn auch stärker in die freudianische Tradition eingebettet, kommt diese grundlegende Angst des Mannes vor der Frau auch in der These der Baubokratie von Wilfied Gottschalch (1997) zum Ausdruck. Baubo ist die griechische Bezeichnung für die sichtbaren Teile der weiblichen Geschlechtsorgane. Für Gottschalch ist die Phallokratie ein Abwehrmechanismus gegen die Baubokratie.

Die Naturnähe der Frau und die Verlegenheit des Mannes werden als anthropologisch vorgegebene Geschlechterunterschiede aufgefasst. Anthropologische Konstanten aufzuzeigen ist noch längst kein Rückfall in einen Biologismus. Im sozialwissenschaftlichen Theoriediskurs der Gegenwart ist zwar die Neigung verbreitet, anthropologische Grundlagen nicht zu explizieren. Eine bloße Illusion ist es aber zu glauben, eine sozialwissenschaftliche Theoriebildung komme ohne anthropologische Annahmen aus. Auch dann, wenn man von einer vollständigen kulturellen Plastizität des Menschen ausgeht, hat man bereits eine anthropologische Annahme gesetzt. Die Philosophische Anthropologie macht deutlich, dass das Menschsein auch vorsoziale Qualität aufweist – bei Helmuth Plessner in die Kategorie des Leibes gefasst –, die auch – oder gerade – von einer Geschlechterforschung zur Kenntnis genommen werden muss.

Eine eigenständige Thematisierung der Subjektebene macht es keineswegs notwendig, auf biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu rekurrieren. Dass dem nicht so ist, darauf macht schon der bekannte Satz von Simone Beauvoir in "Le Deuxième Sexe" (orig. 1949) aufmerksam, der den 1. Teil im zweiten Buch einleitet: "On ne nait pas femme, on le devient". Dieser Satz zielt auf den Prozess der sozialen Subjektgenese und damit auf die Sozialisation ab. Eine eigenständige Thematisierung der Subjektebene macht vor allem erforderlich, sich mit Prozessen der geschlechtsspezifischen Sozialisation zu befassen (ausführlich dazu Böhnisch 2004; Böhnisch/Winter 1993). In der gesamten Diskussion zur geschlechtsspezifischen Sozialisation kommt weiterhin den aus der Psychoanalyse stammenden Theorien eine besonders hohe Erklärungskraft zu.

Während für Freud der Erwerb der Geschlechtsidentität in der phallischen Phase verankert war, wird mittlerweile dieser Prozess bereits in den vorödipalen Phasen verortet. In Freuds Sozialisationstheorie waren das triebhafte Subjekt, das Schicksal seiner libidinösen Objektbeziehungen und die intrapsychischen Konflikte zentral und die psychosexuelle Entwicklung wurde nach dem Muster eines endogenen Reifungsprozesses aufgefasst. In neueren Ansätzen, die in der Psychoanalyse zusammenfassend als Objektbezie­hungs­theorien bezeichnet werden, wird den frühen Beziehungen des Kindes zu anderen Personen in ihrer systematischen Verschränkung mit der Organisation der libidinösen Triebe deutlich mehr Relevanz zuerkannt. Eine besonders breite Aufmerksamkeit hat das geschlechts­spe­zifische Sozialisationsmodell von Nancy Chodorow (1985) gefunden, wenngleich es auch Gegenstand vielfältiger Kritik war. Die Genese der Geschlechterdifferenz verortet Chodorow in den Arbeitsstrukturen der Familien und konkret in der primären Zuständigkeit der Mutter für die Kleinkindererziehung. Aufgrund dieser Asymmetrie der Arbeitsteilung ist die Person, die dem Kind Lustbefriedigung, Geborgenheit und Anerkennung verschafft und zur Abwehr negativer Erfahrungen beiträgt, im Falle des Mädchen eine Person des gleichen und im Falle des Jungen eine Person des anderen Geschlechts. Mit der Phase der Individuation brechen aus dieser Beziehungsdynamik unvermeidlich Unterschiede auf. Den Sohn erlebt die Mutter als das andere Geschlecht und sie wird ihm vermitteln, dass er sich gegen sie behaupten muss. Der Prozess der Ich-Werdung des Jungen gestaltet sich deshalb als Abgrenzung gegen die erste Bezugsperson. Die Tochter, als das gleiche Geschlecht, bleibt dagegen im Bannkreis der Mutter. Die Grenzen zwischen Mutter und Tochter bleiben diffus; für sie ist es schwer, Eigenständigkeit zu gewinnen. Aufgrund des starken Gefühls der Gleichheit identifiziert sich die Tochter mit der Mutter als Vorbild und eignet sich dadurch auch die Mütterlichkeit als Prinzip des Weiblichen an. Da der Vater für den Jungen emotional nicht erreichbar ist, fehlt ihm eine Identifikationsfigur. Er erwirbt seine Identität in Abgrenzung zur Mutter; wodurch für ihn Männlichkeit lebenslang nur negativ bestimmbar bleibt, eben als das Nicht-Weibliche.

Im Anschluss an die Interpretation des grimmschen Märchens "Eisenhans" verdeutlicht Böhnisch, wie die männliche Sozialisation verlaufen sollte, um Mann sein zu können ohne in eine falsch verstandene Männlichkeit zu verfallen:

"Was aber im "Eisenhans" am meisten beeindruckt, ist die Botschaft, dass männliche Stärke, "inneres Kriegertum" also, nur dann zu errei­chen ist, wenn man in der Lage ist, sich seiner inneren Hilflosigkeit und seinen Schwächen auszusetzen und sich in ihnen beschämen lässt. Dann ist man nicht gezwungen, sie nach außen abzuspalten, auf andere abzuwälzen. Den Mut haben, die eigenen Ängste anzuschauen, gilt in religiösen Kulturen – wie zum Beispiel der des Buddhismus – als Zeichen eines guten Kriegertums. Das heißt aber auch, dass man sich als Mann eingestehen muss, dass männliche Macht und männliche Schwäche eng beieinander liegen. Dies begleitet uns ein Leben lang" (Böhnisch 2006, S. 11).

Eine Entwicklung, die aber durch die weiblich dominierte Welt des Kindes und der fortgesetzten Anwesenheit des Vaters erschwert wird (vgl. Böhnisch 2004).

Verschwindet das Geschlecht?

Haben die durch den digitalen Kapitalismus bewirkten Veränderungen der Geschlechterordnung zur Folge, dass Geschlecht als eine zentrale Kategorie verschwindet oder zumindest erheblich an Relevanz einbüsst? Wie wird die These des Verschwindens der Geschlechterdifferenzen aus der Perspektive der kritischen Männerforschung gesehen? Ausgehend von einem sozialstrukturell induzierten Wandel wird darauf verwiesen, dass die Geschlechterdifferenzen nur scheinbar verschwunden sind.

Das "offiziöse Bild der Nivellierung des Geschlechterverhältnisses" entspreche dem Vergesellschaftsmuster der Flexibilisierung im digitalen Kapitalismus. "Der Mensch muss heute in der Lage sein, jederzeit verfügbar, optionsbereit, offen und mobil zu sein. Starre Rollenmuster behindern diesen Vergesellschaftstyp Flexibilität sowohl strukturell wie auch ideologisch" (Böhnisch 2001, S. 40f).

Deutlich gemacht wird, dass dies mehr mit einer "Zurichtung" des Subjekts als mit Freiheitsgewinnen zu tun habe. Die scheinbare Nivellierung ist mit Ambivalenzen behaftet. Die Differenzen des Frau- und Mann-Seins sind nicht einfach verschwunden, sondern werden lediglich verdeckt und brechen spätestens in biografischen Krisensituationen wieder auf.

Aus der Praxis der sozialen Arbeit wird im breiten Umfang von der Erfahrung berichtet, dass Menschen in Krisensituationen – dann wenn die personalen und sozialen Ressourcen nicht mehr ausreichen – im starken Maße dazu neigen, geschlechtstypisch zu reagieren. "Die Geschlechterfrage holt (..) die Menschen in der Gesellschaft, die alles kontingent erscheinen lässt, auf der biografischen Bewältigungsebene ein" (Böhnisch/Funk 2002, S. 51). Auch wenn Lebenskrisen keineswegs darauf begrenzt sind, haben daran Integritätskrisen einen wichtigen Anteil. Als geschlechtstypische Brüche im Leben der Männer gilt die midlife-crisis. Sie tritt auf, wenn Männer in ihrer Berufslaufbahn an einen Punkt gekommen sind, an dem sie gezwungen sind, Bilanz zu ziehen und erkennen müssen, dass sich ihre Karrierehoffnungen zerschlagen haben. Einen ähnlichen Einschnitt bedeutet für Frauen vielfach der Eintritt in die empty-nest-Phase, also der Auszug des (letzten) Kindes aus der elterlichen Wohnung. Der Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft und die Erosion der Normalarbeitsverhältnisse haben zur unmittelbaren Folge, dass Integritätskrisen häufiger geworden sind. Der Zwang zum lebenslangen Lernen schafft einen Bewältigungsprozess, in dem die Betroffenen die Erfahrung verarbeiten müssen, dass das Erlernte entwertet und neue Sozial- und Lebenszüge mit der Ungewissheit der Anwendbarkeit erworben werden müssen. Krisensituationen entstehen im hohen Maße auch aus der Paardynamik; es kann ein akuter Streit und eine Trennung sein.

Das Grundmuster im männlichen Bewältigungsverhalten ist die Außenorientierung. Männer "sind in ihrem Bewältigungsverhalten eher 'außen-orientiert', externalisiert, spalten Hilflosigkeit eher ab, rationalisieren (..), indem sie nach Gründen suchen, die außerhalb ihrer Betroffenheit liegen, projizieren ihre Hilflosigkeit auf Schwächere, auf etwas Störendes im jeweiligen Gegenüber" (Böhnisch/Funk 2002, S. 51f). Übereinstimmend mit Alltagsbeobachtungen wird aus der Beratungspraxis berichtet, dass es Männern schwer fällt, über sich und ihre Gefühle zu sprechen. "Das männliche Externalisierungsprinzip beinhaltet (...) immer auch eine Warnung vor dem Innen: Wenn du dich Gefühlen hingibst, dich mitreißen lässt, dann bist du verloren, ausgeliefert, dann hast du keine Kontrolle mehr über dich selbst, dann kannst du nicht mehr funktionieren" (Böhnisch/Funk 2002, S. 119).

Das Grundmuster im weiblichen Bewältigungsverhalten ist dagegen die Innenorientierung. Frauen zeigen vielfach einen 'innengerichteten' Bewältigungsmodus. "Sie sind eher in der Lage, ihre innere Befindlichkeit zu thematisieren, sie spalten ihre Hilflosigkeit aber auch oft gegen sich selbst ab: Autoaggressivität, Schuldübernahme (zum Beispiel für die Familie) und Zurücknahme der eigenen Interessen sind Ausdrucksformen dafür. Selbstkontrolle, Gewalt gegen sich selbst und Selbsthass zeigen sich nicht selten im frauentypisch häufigen Medikamentenmissbrauch oder auch in der Magersucht bei Mädchen" (Böhnisch/Funk 2002, S. 52).

Diese Muster sind nicht nur im Bewältigungsprogramm bei Frauen und Männern in Krisensituationen beobachtbar, sondern diese sind ebenso in das Wissens- und Deutungsrepertoire der Sozialarbeit eingegangen. Dadurch entstehe die Gefahr, dass Sozialarbeiter/innen dieses Bewältigungsverhalten mit einer Normativität ausstatten und als Normalitätsstandard auffassen, an dem das Verhalten ihrer Klient/innen gemessen wird. Dass Frauen zugunsten der Familie zurückstecken oder dass Männer naturgemäß eine dominierende, außenbezogene Rolle spielen, diese Bilder hatten und haben z.T. noch immer in der Sozialarbeit eine fraglose Akzeptanz. Wichtig ist es für Sozialarbeit, dass die geschlechtstypischen Züge im gezeigten Bewältigungsverhalten erkannt werden und nicht geglaubt wird, "dass Frauen und Männer so sind, wie sie sich geben" (Böhnisch/Funk 2002, S. 113). Dies kann eine Sozialarbeit nur dann, wenn sie geschlechtsreflexiv arbeitet. Aufgrund der "zentralen Bedeutung des Geschlechts für das Verstehen von und für den sozialpädagogisch-therapeutischen Zugang zur Betroffen­heit (ist) der geschlechtstypische Ansatz ein professionelles Muß. Wer meint, 'geschlechtsneutral' arbeiten zu können, arbeitet unprofessionell (Böhnisch/Funk 2002, S. 18). Auch wenn es in der praktischen Arbeit immer darauf ankommt, die Orientierung am traditionellen Geschlech­ter­muster im Bewältigungsverhalten zu verstehen und im gewinnen Sinne auch zu akzeptieren, ist es immer auch erforderlich, darüber hinaus­gehende Handlungsalternativen aufzuzeigen.

Viele Männer sind im Mann

Gegen die Nivellierungsthese der Geschlechter spricht ebenfalls, dass die für die Gegenwartsgesellschaft dominante Pluralität der männlichen und weiblichen Lebensentwürfe vernachlässigt wird, die als Entgrenzung von Männlichkeit und Weiblichkeit zu fassen ist. Mit Entgrenzung von Geschlecht – oder kurz gefasst: entgrenztem Geschlecht – ist gemeint, dass Männlichkeit und Weiblichkeit nicht mehr als einheitliche Kategorie zu fassen sind, sondern sich unter den Einfluss veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ausdifferenziert haben. Die Frauen bzw. die Männer gibt es nicht (mehr), sondern Männlichkeit und Weiblichkeit ist immer als Plural zu fassen.

Wie Böhnisch (2003) in einem Kernstück seiner Männertheorie verdeutlicht, gilt für den digitalen Kapitalismus, dass sich die männlichen Habitusmuster und gesellschaftlichen Strukturen nicht mehr entsprechen.

Der Entwurf eines einheitlichen geschlechtlichen Habitus stößt dort an Grenzen, "wo die Wandlungsprozesse – so wie heute – ambivalent und mehrdimensional verlaufen. Männlichkeit ist gleichzeitig entgrenzt wie im ökonomischen Externalisierungsprinzip verstärkt, wirkt ebenso psychodynamisch wie sie sich in der Orientierung der Lebensführung an der Sachlogik verpuppt. Deshalb gibt es – mit Ausnahme resistenter oder reaktivierter traditionaler Männlichkeitsmuster (die aber auch beziehungsrelativ sind) – keine eindeutigen Muster des männlichen Habitus mehr. (...) Der männliche Habitus scheint also in sich gestaltet, verschoben, verdeckt, pluralisiert, zu unterschiedlichen Zeiten und Konstellationen je unterschiedlich aufbrechend" (Böhnisch 2003, S. 84f; Hervorhebung Autor). Im Vordergrund stehe damit nicht die Suche nach männlich-habitueller Sicherheit, sondern die Lebensbewältigung als Dauerproblem. Durch das Auseinanderfallen von überkommener Habitusformen und gesellschaftlicher Strukturen ist Männlichkeit nicht mehr an eine geschlechtshierarchische Gesellschaftsstruktur formell und institutionell rückgebunden. Unabhängig davon wirkt das Prinzip der Externalisierung weiter und bindet vor allem Männer. Allerdings ist es Männern nicht mehr ohne weiteres möglich, Dominanzmuster in den Geschlechterbeziehungen durchzusetzen, da feste Rollenvorgaben wenig gefallen bzw. zumindest fraglich geworden sind. "Generell müssen die Männer nun selbst schauen, wie sie mit ihrer Männlichkeit zurechtkommen, da sie nicht mehr institutionell vorausgesetzt und im Geschlechterverhältnis entsprechend gestützt ist" (Böhnisch 2003, S. 85). Gefordert sind damit Kompetenzen der Selbstregulierung, der sozial verträglichen und sozial kreativen Gestaltung von Männlichkeit. Ausgehend von einer segmentierten Geschlechtergesellschaft, unterteilt in Kern, Peripherie und Randzone, lassen sich nach Böhnisch (2003, S. 117ff) drei Männlichkeitswelten unterscheiden: die Welt systemisch transformierter Männlichkeit, die Welt pluraler und ambivalenter Männlichkeiten und die Welt sozialanomischer Männlichkeit:

Die Welt systemisch transformierter Männlichkeit lässt sich dem Kernbereich zuordnen. Hier dominiert der abstract worker als neuer Leittypus des digitalen Kapitalismus. Sie sind die Träger des von der Männlichkeit insgesamt losgelösten Prinzips der Externalisierung.

Die Welt pluraler und ambivalenter Männlichkeiten gehört der großen Peripherie an. Hier werden unterschiedliche Männlichkeiten in verschiedenen Lebensbereichen gelebt. Es zeigen sich plurale und nivellierte, aber auch fragile und krisenanfällige Männlichkeiten.

Die Welt sozialanomischer Männlichkeit als Teil der Randzone zeichnet sich durch einen Fortbestand betont geschlechtshierarchisch auftretender und sich gewaltkörperlich insze-nierender Maskulinität aus. Bei der Gruppe handelt es sich nicht nur um eine Aktivierung von Maskulinität zur Bewältigung kritischer Lebensereignisse. Vielmehr geht es um einen Typus von Männlichkeit, der in den Industriegesellschaften dann auftritt, "wenn Männer auf Grund der neuen ökonomisch-technologischen Entwicklungen aus der Arbeitswelt ausgeschlossen, im Sozialen ausgegrenzt werden und dieses Ausgeschlossensein und die damit verbundene Hilflosigkeit entsprechend maskulin abspalten" (Böhnisch 2003, S. 121).


Diese Aufteilung in drei Männlichkeitswelten stellt einen Versuch dar, die in den Gegenwartsgesellschaften vorhandenen Differenzen zwischen Männern aufzuzeigen. Ähnliche Unterschiede sind ebenso in den weiblichen Lebenszusammenhängen vorhanden. An dieser Stelle soll die inhaltliche Fassung der Unterschiede nicht weiter diskutiert werden, da es hier lediglich darum ging , auf das Grundphänomen der Entgrenzung von Geschlecht hinzuweisen.

An einer anderen Stelle illustriert Böhnisch die vorhandenen Unterschiede zwischen Männern am Beispiel von zwei Fußballspielern: dem englischen David Beckham und dem deutschen Oliver Kahn:

"Beckham und Kahn sind zwei Männlichkeitstypen, die zwei We­senszüge des neuen Kapitalismus zusammenbringen – unbedingte Durchsetzungs- und Konkurrenzfähigkeit bei hoher Flexibilität. Das "Modul Kahn" steht für archaische Maskulinität, die im Konkurrenz- und Verdrängungskapitalismus eine neue Rahmung erhält. Das "Mo­dul Beckham" erweist sich nicht nur als Magnet für die feminine Seite des Mannes, die ihn in seiner Verfügbarkeit geschmeidiger macht, er kann am ehesten die Brücke vom "lokalen Spieler" zum Globalplayer schlagen, an der die Manager der Topvereine in der globalisierten Fuß­ballindustrie zur Zeit heftig bauen" (Böhnisch 2006, S. 128).

Die einheitlichen Konturen von Geschlecht haben sich aufgelöst, stattdessen hat sich eine Pluralität männlicher und weiblicher Lebensentwürfe herausgebildet. Die Pluralität der Geschlechter umfasst dabei sowohl Tendenzen der Nivellierung, aber auch der Persistenz oder gar der Verstärkung von Geschlechterunterschieden, wobei auf den Ebenen der Geschlechterverhältnisse und der Geschlechtsbeziehungen unterschiedliche Trends beobachtbar sind. Aber auch Rückfälle sind nicht ausgeschlossen, eine Geschlechterdemokratie zu erreichen, bleibt ein hohes Ziel.

"(Es) bleibt die Verführung, wieder zu traditionellen Geschlechterbildern zurückzukehren, wenn es kritisch wird – gegenseitigen Halt beim versorgenden Mann und bei der be­sorgten Frau zu suchen. (Es bleibt die) Aufforderung, dass Männer und Frauen sich gegen­seitig und beharrlich um ihre je eigene Selbstständigkeit und Selbstver­antwortung sorgen und daraus zu gemeinsamen Interessen finden sollen. Dies ist eine Grundvoraussetzung für das Gelingen einer Ge­schlechterdemokratie, die von der Gleichheit in der Differenz und der in ihr erzeugten Spannung lebt" (Böhnisch 2006, S. 169).

Lothar Böhnisch hat seine kritische Männertheorie vor allem in den folgenden Publikationen dargelegt:

Viele Männer sind im Mann. Bilder – Blicke – Horizonte. Ein soziologisches Lesebuch für Männer und Frau. Wien: Edition Roesner 2006

Männliche Sozialisation. Eine Einführung. Weinheim, München: Juventa 2004

Die Entgrenzung der Männlichkeit. Verstörungen und Formierungen des Mannseins im gesellschaftlichen Übergang. Opladen: Barbara Budrich 2003

Soziale Arbeit und Geschlecht. Weinheim, München: Juventa 2002, zusammen mit Heide Funk

Männlichkeiten und Geschlechterbeziehungen – Ein männertheoretischer Durchgang. In: Margrit Brückner/Lothar Böhnisch (Hg.): Geschlechterverhältnisse. Gesellschaftliche Konstruktionen und Perspektiven ihrer Veränderung. Weinheim, München: Juventa 2001: 39-118

Männliche Sozialisation. Bewältigungsprobleme männlicher Geschlechtsidentität im Lebenslauf. Weinheim, München: Juventa 1993 (2. Aufl. 1997), zusammen mit Reinhard Winter





Download PDF Download PDF
Homepage Robin Ullrich