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Wolfgang Schröer

Sozialpädagogik und Sozialpolitik – Doppelpässe


Wolfgang SchröerEin Beitrag von Wolfgang Schröer

„Doppelpässe – Eine sozialwissenschaftliche Fußballschule“ heißt der wunderbare Titel eines Buches von Michael Rautenberg, Angela Tillmann und Lothar Böhnisch. Das Buch ist hervorragend und spannend geschrieben und jeder und jedem zum Lesen empfohlen. Es hat nur einen Schönheitsfehler, die Autoren verstehen nichts vom Fußball – zumindest in Bezug auf ihre Fanleidenschaft. Denn der Kollege Michael Rautenberg ist auf Gedeih und Verderben verbunden mit Dynamo Dresden und der Kollege Lothar Böhnisch ist nun einmal Fan und Vereinsmitglied vom TSV 1860 München. (Über Angela Tillmanns Fanleidenschaft habe ich keine Informationen, aber irgendwo muss ja die Qualität des Buches herkommen.) Dass diese Einschätzung zur Fanleidenschaft von Lothar Böhnisch auf Gegenseitigkeit beruht, kann ich schriftlich belegen. 1999 schenkte er mir das von ihm verfasste Buch Abweichendes Verhalten. Dabei konnte er es nicht lassen, schnell mit einem Kugelschreiber – so dass es für immer und ewig festgehalten ist – nach einigen freundlichen Worten in das Buch zu kritzeln … gleichwohl aber eingedenk der Tatsache, dass Du einem hoffnungslosen Fußballverein hartnäckig die Stange hälst, fällt mir doch keine Widmung ein. Die Rede ist von dem großartigen Verein SV Werder Bremen.

Doppelpässe – auf der Ebene der Fanleidenschaft sind wir kaum zusammengekommen. Persönlich und vor allem theoretisch hat mich das Doppelpass-Spiel von Lothar Böhnisch zwischen Sozialpädagogik und Sozialpolitik immer inspiriert, auf diesen Ebenen bin ich für unsere gemeinsam geschlagenen Doppelpässe sehr dankbar.

Der nun folgende Textausschnitt aus unserem Buch Pädagogik und Arbeitsgesellschaft sollte damals „Historischer Doppelpass Sozialpolitik und Sozialpädagogik: Eduard Heimann und Karl Meinecke“ heißen – doch dies haben wir dann aus irgendeinem heute nicht mehr nachvollziehbaren Grund nicht mehr gemacht. Im letzten Abschnitt ist, wie man sehen kann, eine kleine Reminiszenz an diese Idee zu finden. Nach dem Textausschnitt möchte ich noch ein wenig den sozialpädagogisch-sozialpädagogischen Doppelpass historisch verorten. Doch zunächst der Textausschnitt...

Freigesetzt wozu – der bildungstheoretische Rahmen und die sozialpolitische Einordnung: Eduard Heimann

In der sozialen Frage steckt seit ihrer Manifestation in den sozialreformerischen Bewegungen des mittleren und späten 19. Jahrhunderts immer ein typisch pädagogisches Grundproblem: Wie können Menschen – über die aktionistische Schubkraft sozialer Bewegungen hinaus – befähigt werden, Gesellschaft mitzugestalten? Dieser Aspekt der Gestaltung von Gesellschaft erhält seine Qualität und Eigenart aber erst in der Spannung zur Entfremdungsthematik, auf die er bezogen ist. In der Sozialpolitik der damaligen Zeit wurde diese soziale Gestaltungsperspektive aktiviert.

Der Marxsche Entfremdungsbegriff wurde dadurch in einen historisch neuen Bezugsrahmen gestellt, ging in einem dialektischen Prozess sozialer Vergesellschaftung des Kapitalismus auf. Dieses neben dem ökonomischen nun soziale Vergesellschaftungsprinzip hatte zuerst eine sozialpolitische und dann – an diese rückgebunden – eine pädagogische Dimension. Die sozialpolitische Dimension wurde in den zwanziger Jahren von Eduard Heimann in seiner sozialen Theorie des Kapitalismus (1929 ) auf den Begriff gebracht. Der Kapitalismus braucht, um sich zu modernisieren, die soziale Idee, die ihm eigentlich wesensfremd ist. Denn erst die Systeme sozialer Sicherung, die Bildung und Qualifikation der Arbeiter und Angestellten und die soziale Befriedung der Gesellschaft schafften die Bedingungen, unter denen der Kapitalismus sich modernisieren und weiter rationalisieren konnte. Dadurch wurde der Kapitalismus aber auch sozial gebunden, in gewisser Hinsicht gezähmt und musste soziale Zugeständnisse machen (vgl. Böhnisch/Arnold/Schröer 1999) . Das aus dieser Gegensätzlichkeit von Kapitalismus und sozialer Idee dialektisch hervorgegangene Ergebnis ist das sozialpolitische Vergesellschaftungsprinzip, das sich in Deutschland im Sozialstaat formiert, damals aber auch in anderen Bezügen – so vor allem im genossenschaftlichen Denken – seine Heimat gesucht hat.

Der Marxsche Entfremdungsbegriff steckt im Heimannschen Modell der kapitalistischen Definition des Menschen als Ware, die sich als menschliche Arbeitskraft zum Tausch anbietet. Die Dimension der Gestaltung wiederum bezieht sich auf die soziale Idee, wie sie sich in den antikapitalistischen sozialen Bewegungen, die den Menschen und seine Würde zum Leitprinzip von Wirtschaft und Gesellschaft machen wollten, formiert hat. In dieser Spannung entwickelte sich das epochale Prinzip des Sozialpolitischen: Der Kapitalismus muss eine soziale Beschränkung und Bindung zulassen, die sozialen Gestaltungschancen sind durch diesen gesellschaftlichen Kompromiss erhöht, aber auch entsprechend institutionalisiert (das kapitalistische System als Ganzes wird nicht in Frage gestellt).

Wie diese Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen des Sozialpolitischen von den Menschen selbst genutzt werden können, hängt aber nicht nur von diesen allgemeinen Bedingungen sozialpolitischer Vergesellschaftung, sondern auch davon ab, wie die Subjekte in der Lage sind, von sich aus sozial aktiv zu werden. Die sozialpolitischen Institutionen und die in ihnen eingelassenen Garantien sozialer Sicherung geben den Menschen zwar den Rückhalt, jene „Hintergrundsicherheit“, die soziales Handeln bedarf, um mehr als nur auf die Sicherung der eigenen Existenz gerichtet zu sein. Was aber sozialgestalterisches Handeln darüber hinaus braucht, ist der soziale Surplus, der nötig ist, um gesellschaftlich zu handeln. Dazu ist nicht nur soziale Sicherheit, sondern auch soziale Orientierung und Empowerment, die Aktivierung des Selbst, notwendig. Dies sind die pädagogisch relevanten Dimensionen sozialer Gestaltung und Infrastruktur. Sie sind allerdings nicht mehr mit dem Heimannschen Modell, das sich nur auf das gesellschaftliche Bedingungsgefüge des Sozialpolitischen bezieht, erfassbar. Hierzu braucht es ein Paradigma, dass den sozialen Ort aufschließen kann, von dem aus die Individuen gestaltend aktiv werden können.

In diesem Punkt kann auf das Durkheimsche Modell der Arbeitsteilung Bezug genommen werden: Der sozialpolitisch ermöglichte Gestaltungsraum ist die eine, die Art und Richtung der Freisetzung und Integration des Menschen in der anomischen Dynamik der industriellen Arbeitsteilung die andere Seite, von der aus gestaltungsorientiertes Handeln und mithin auch seine pädagogische Begleitung möglich ist.

Diesen Zusammenhang hat schließlich Carl Mennicke für die Pädagogik aufgeschlossen. Die Frage „Freisetzung wozu?“, mit der er die pädagogische Verlegenheit der industriekapitalistischen Moderne zusammenfasste, beschreibt das pädagogische Grundproblem in der arbeitsteiligen industriekapitalistischen Moderne. Die Dynamik der Arbeitsteilung in ihrer potentiellen Anomie setzt immer wieder typische pädagogische Aufforderungen frei, denen sich die Pädagogik auf ihre Weise – im selbstreferentiellen Rückzug auf die pädagogischen Institutionen, insbesondere die Schule – gleichzeitig zu stellen und zu entziehen versuchte. Was bleibt ist die empirisch-historische Tatsache, dass die Pädagogik von der Entwicklung der Arbeitsgesellschaft immer wieder eingeholt wird.

Festzuhalten ist hier ausdrücklich, dass in dieser doppelten Kontextualisierung – sozialpolitisches Vergesellschaftungsprinzip und Freisetzungs- sowie Integrationsproblematik der Arbeitsteilung – der Entfremdungsbegriff nicht mehr der „alte“ – im Marxschen Sinne – geblieben ist. Marx hatte seinen Entfremdungsbegriff sozial-struktuell – jenseits der subjektiven Dimension – angelegt. Dass der Einzelne, aus seiner Entfremdungserfahrung heraus sozial aktiv werden kann, ist in dem marxschen Paradigma nicht vorgesehen. Deshalb ergibt es auch keinen Sinn, mit diesem Entfremdungskonzept in pädagogischer Ableitung zu arbeiten. Man braucht die historisch-soziologischen Vermittlungsschritte sowohl nach dem Heimannschen Modell als auch nach dem strukturellen pädagogischen Ansatz Mennickes, um die soziale Spannung von Entfremdung und Gestaltung pädagogisch aufschließen zu können.

Entfremdung erscheint jetzt in einem Bezugssystem der Subjekthaftigkeit des gesellschaftlichen Erlebens, indem gefragt wird, wie der einzelne Entfremdung bewältigen und handlungsfähig bleiben kann. Damit hat der Entfremdungsbegriff zwei Seiten erhalten: Einerseits verweist er nun auf die anomische Erfahrung des Subjekts, andererseits bleibt er rückgebunden an den gesellschaftlichen Umgang mit den Menschen im warenfixierten Kapitalismus. Beide Seiten haben ihren je eigenen begrifflichen Gehalt, sind aber nicht auseinander zu dividieren. Die Probleme der Pädagogen haben oft darin bestanden, dass sie nur die eine Seite der Subjekthaftigkeit von Entfremdung erfassten, die ökonomische und sozialpolitische Rückbindung des Entfremdungsparadigmas aber außer Acht gelassen haben. Dass der sozialpolitische und pädagogische Diskurs einander bedingen, kann man in der Entwicklung der Arbeiterbildung von der Mitte des 19. bis hin zum 20. Jahrhundert darstellen.

Die Arbeiterbildung diente dem Zweck, die entfremdende Situation sozial zu begreifen, als Mensch Selbstwert zu erlangen und als Arbeiter Handlungsfähigkeit zugesprochen zu bekommen. Erst mit diesem kollektiven Arbeiterbildungsdiskurs war es möglich geworden, die soziale Frage nicht nur von wenigen Intellektuellen, sondern öffentlich in die Richtung einer demokratischen (Wieder-)Entdeckung der Gestaltbarkeit von Gesellschaft (vgl. Evers/Nowotny 1987) zu thematisieren. Gleichzeitig war der sozialpolitische Diskurs notwendig, um die Arbeiterbildung überhaupt strukturell zu ermöglichen. Hier sieht man, wie sich Sozialpolitik und Pädagogik gegenseitig bedingen, wie die Spannung von Entfremdung und Gestaltung historisch entstanden und wie das Problem der Handlungsfähigkeit des Subjekts in diese Spannung eingelassen ist.

Heimann verschafft uns den pädagogisch anschlussfähigen Zugang zum Sozialpolitischen, Mennicke argumentiert – ebenfalls in der sozialpolitischen Dimension, aber vom Menschen her – in der Perspektive der Handlungsfähigkeit und Sinnstiftung. Wo der eine die sozialpolitischen Bedingungen für die Gestaltungs- und Gemeinschaftsfähigkeit des Menschen entwickelt, fragt der andere, wie die Handlungsfähigkeit des Menschen gebildet werden kann, um diese Bedingungen auch gestalterisch nutzen zu können. Darin besteht die Spannung zwischen beiden.

Damit haben wir über den historischen ‚Doppelpass‘ Heimann-Mennicke, den wir konstruiert haben, den bildungstheoretischen Rahmen abgesteckt, in dem wir unsere Fragestellung bearbeiten wollen.
(Ende des Textausschnitts)

Der sozialpolitisch-sozialpädagogische Doppelpass bei Lothar Böhnisch

Die Schriften des seinerzeit international bekannten Kultursoziologen Friedrich Müller-Lyer lernte ich über Lothar Böhnischs kennen. Müller-Lyer ist heute weitgehend aus dem sozialwissenschaftlichen Gedächtnis verschwunden. Er hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein großes systematisches soziologisches Werk mit dem Titel „Entwicklungsstufen der Menschheit“ vorgelegt. Daneben plante er aber seinerzeit auch ein mehrbändiges Werk der „angewandten Soziologie“ mit dem prägnanten Titel „Soziologie des Leidens“. „Leiden“ war für Müller-Lyer „das praktische Zentralproblem der menschlichen Gesellschaft“ . „Leiden“ war demnach letztlich ein Ergebnis „sozialer Krankheiten“, die „nur durch soziale Mittel bekämpft werden“ können. Mitunter lesen sich Müller-Lyers Fortschritts-Visionen zur, wie er sagte, „Vermenschlichung der bisher blinden Kulturentwicklung“ durch die „wohlorganisierte und mit wissenschaftlicher Einsicht ausgerüstete Gesellschaft“ aus heutiger Sicht wie ambivalente moderne Ideologien. Dennoch, seine Soziologie hat vor allem Pädagogen und Sozialpolitikern vornehmlich aus Kreisen der Arbeiterbewegung, so z.B. Siegfried Kawerau oder Otto Rühle, einen theoretischen Rahmen gegeben. Es war ein theoretischer Rahmen, über den die Pädagogen die strukturelle Krise des Alltags, wie wir heute sagen würden, thematisieren konnten. So sprach auch Müller-Lyer von der spätfamilialen Krise des Kapitalismus – eine strukturelle Krise der vorherrschenden Formen der Reproduktion und der alltäglichen Bedürfnisregulierung.

Systematisch und mit Blick auf die sozialstrukturellen Veränderungen hat 1926 Carl Mennicke dieses sozialpädagogische Problem auf einen Begriff gebracht. Seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hätten demnach die sozialen Veränderungen ein Ausmaß erreicht, dass man von einer sozialpädagogischen Verlegenheit der industriekapitalistischen Moderne sprechen könne. Das soziale Leben, so Mennicke, habe durch die Durchsetzung des industriellen Kapitalismus in allen Lebensbereichen an „bildkräftigen Formen des gesellschaftlichen Lebens“ verloren . So werde der moderne Familienhaushalt „zur reinen Konsumgemeinschaft“ degradiert und das „Tempo des Wirtschaftslebens“ lasse den Menschen immer „weniger Raum zur wirklichen Pflege des Familienlebens“. Ohnehin könne die moderne Familie nicht mehr als eine zuverlässige Erziehungsgemeinschaft angesehen werden. Der industrielle Kapitalismus habe zudem den Arbeitsverhältnissen jegliche „pädagogische Qualität“ geraubt . Schließlich finde der moderne großstädtische Mensch insgesamt nur wenig Gelegenheit, „innere Anforderungen des gemeinschaftlichen Lebens zu erfahren“. Der Mensch wird unsicherer und williger, „dem Zug der Reklame zu folgen“. „Kein Zweifel“, so Mennickes Schlussfolgerung, „dass auf diesem Wege viele Einzelleben überhaupt jede Richtung und Bestimmtheit verlieren“.

Die sozialpädagogische Verlegenheit der modernen Gesellschaft besteht nun darin, dass die modernen industriekapitalistischen Gesellschaften den Einzelnen einerseits freisetzen und andererseits keine sozialen Bedingungen bieten, in denen sie ihre subjektive Handlungsfähigkeit ausbilden und leben können. Der Mensch wird einerseits durch die strukturellen Bedingungen in der industriekapitalistischen Moderne freigesetzt, andererseits schafft diese keine Lebensbedingungen, um die Lebenslast bewältigen, Selbstwert als Mensch verwirklichen und subjektive Handlungsfähigkeit ausbilden zu können.

Müller-Lyer und Carl Mennicke sind nur zwei soziologisch-pädagogische Autoren der 1920er Jahre über die Lothar Böhnisch die historisch-systematische Rückbindung seiner Theorie der Lebensbewältigung vornimmt. Man müsste Autorinnen und Autoren aus der Wiener Sozialreform, der Frauenbewegung und natürlich soziologische Klassiker wie Emile Durkheim hinzufügen, um dieser Aufgabe gerecht zu werden.

Dennoch wurde – vereinfacht zugespitzt – aus der Soziologie des Leidens zu Beginn des 20. Jahrhunderts später in den 1980er eine sozialpädagogische Theorie der Lebensbewältigung, die sich eben nicht nur auf die Bewältigung individueller kritischer Lebensereignisse bezieht. Es geht – wie in den historischen Entwürfen immer auch – um die Sicherung von Handlungsfähigkeit angesichts der strukturellen Krise der Reproduktionsformen und der alltäglichen Bedürfnisregulierung.

Die Theorie der Lebensbewältigung rückt einerseits die alltägliche soziale und biographische Arbeit der Menschen, ihre Handlungsfähigkeit zu sichern, in den Mittelpunkt: das alltägliche Über-die-Runden-Kommen. Andererseits erkennt die Theorie der Lebensbewältigung in diesen Anstrengungen des Über-die-Runden-Kommens die alltägliche Bedürftigkeit angesichts der strukturellen Krise der Reproduktionsformen und der alltäglichen Bedürfnisregulierung im – wie wir heute sagen würden – digitalen Kapitalismus. Der Untertitel des Buches „Lebensbewältigung“ von Lothar Böhnsich und Werner Schefold verweist deutlich auf diesen Zusammenhang. Er lautet: Soziale und pädagogische Verständigung an den Grenzen der Wohlfahrtsgesellschaft. Letztlich enthält die Theorie der Lebensbewältigung somit immer auch eine Perspektive einer politischen Theorie der Bedürftigkeit.

Diese politische Theorie der Bedürftigkeit führt unmittelbar auch zu dem, was die sozialpolitische Seite des Doppelpasses genannt werden kann: Die Theorie der Lebensbewältigung – so könnte man formulieren – enthält eine sozialpolitische Aufforderungsstruktur, da sie immer auch die strukturelle Krise thematisiert. Es geht um die Frage, wie Lebenslagen gestaltet werden könnten, damit aus dem „Über-die-Runden-kommen“ erweiterte Bewältigungsformen werden können. Erweiterte Lebensbewältigung ermöglicht es den Menschen, sich an der Gestaltbarkeit von Gesellschaft zu beteiligen.

Spätestens hier muss ein weiterer Strang der historisch-systematischen Verortung der Sozialpädagogik vorgenommen oder anders formuliert: die sozialpolitische Flanke der Lebensbewältigung beschrieben werden. Diese sozialpolitische Dimension des Doppelpasses lässt sich über Eduards Heimanns „Soziale Theorie des Kapitalismus“ weiterführend thematisieren.

Der Kapitalismus braucht, wie oben in dem Textausschnitt auch mit Heimann dargelegt, um sich zu modernisieren, die Bearbeitung der Bildungsfrage. Er braucht die soziale Idee, die ihm eigentlich wesensfremd ist. Erst die Strukturen sozialer Sicherung, die Bildung und Qualifikation der Menschen und die soziale Befriedung der Gesellschaft schaffen die Bedingungen, so Heimann, unter denen der Kapitalismus sich modernisieren und weiter rationalisieren konnte. Der Kapitalismus ist – zumindest im 20. Jahrhundert – abhängig von der massenhaften Bildung des Humankapitals. Diese Abhängigkeit eröffnete die Möglichkeit den Kapitalismus sozial zu binden, in gewisser Hinsicht zu zähmen. Zumindest konnten soziale Zugeständnisse erkämpft werden. Das aus dieser historischen Situation hervorgegangene Ergebnis ist das sozialpolitische Vergesellschaftungsprinzip, das sich in Deutschland im Sozialstaat formiert hat.

Darüber hinaus stellt sich aber die Frage, wie die Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen des Sozialpolitischen von den Menschen selbst genutzt werden können. Diese Frage hängt aber nicht nur von diesen allgemeinen Bedingungen sozialpolitischer Vergesellschaftung ab. So steckt spätestens seit den sozialreformerischen Bewegungen des 18. und 19. Jahrhundert in der sozialen Frage immer auch ein ähnlich gelagertes sozialpädagogisches Grundproblem. Namentlich: Wie können Menschen angesichts der Entfremdungen befähigt werden Gesellschaft mitzugestalten? Diese Frage hängt davon ab, wie die Subjekte in der Lage sind, von sich aus sozial aktiv zu werden. Hier sehen wir wiederum – um im Bild zu bleiben und den Ball wiederum auf den sozialpädagogischen Fuß zu schieben – den Bezug zur Lebensbewältigung.

Die sozialpolitischen Institutionen und die in ihnen eingelassenen Garantien sozialer Sicherung geben den Menschen demnach den sozialen Rückhalt. Sie schaffen jene „Hintergrundsicherheit“, die soziales Handeln braucht, um mehr als nur auf die Sicherung der eigenen Existenz gerichtet zu sein. Diese sozialpolitische Seite der Lebensbewältigung hat Lothar Böhnisch seit den 1970er Jahren grundlegend über den Begriff der Lebenslage in die sozialpädagogische Diskussion eingeführt worden.

Der Begriff Lebenslage fand wiederum in den 1920er Jahren bei Otto Neurath in Wien seine erste Grundlegung und ist dann durch Gerhard Weisser und Ingeborg Nahnsen in die sozialpolitische Diskussion in Deutschland eingeführt worden. In der gegenwärtigen Diskussion wird nur häufig übergangen, dass der Lebenslagenbegriff nicht nur ein analytischer Begriff ist, sondern gleichzeitig eine politische Dimension beinhaltet. Franz-Xaver Kaufmann hat dieses deutlich herausgearbeitet, indem er festhält: Der Begriff Lebenslage umfasst „grundsätzlich alle Elemente und Bedingungen menschlicher Existenz, die als durch politische Maßnahmen beeinflussbar gelten.“ Er wird also „seinem empirischen Gehalt nach erst durch eine Analyse politischer Intentionen und Maßnahmen bestimmt“.

Insgesamt sind die Lebenslagen „Substrat“ einer historischen Entwicklung und umfassen die sozialen Handlungsspielräume und sozialökonomischen Erwartungen an die Menschen: Es geht beim Lebenslagenbegriff eben nicht nur um eine Analyse des Ressourcensets, des Wohnraum, des Einkommen und der Bildungsressourcen der Menschen. Es geht auch um eine Aufklärung über die Intentionen und Maßnahmen politischer Gestaltung in Bezug auf die Handlungsspielräume der Menschen und die Anerkennung ihrer Bedürfnisse.

Zudem ist für die Sozialpädagogik wohl das Wichtigste am Lebenslagenkonzept, dass es in der Analyse des Vergesellschaftungsprozesses auch den Zugang zum Subjekt ermöglichen kann. Im Gegensatz zu anderen „Vergesellschaftungskonzepte“ so hat Lothar Böhnisch es 1982 weiter formuliert, vernachlässigt der Lebenslagenansatz eben nicht „den Aspekt, wie der Mensch historisch zur Geltung kommt.“ Die Humanisierung der Geschichte sei direkt in der Lebenslagentheorie aufgegeben. „Das Lebenslagenkonzept ist in seinem historischen Charakter offen für die sozialstaatlich nicht kalkulierbaren Formen menschlicher Lebensentfaltung“ . Gerade diese Dimensionen der Humanisierung der Geschichte und Öffnung gegenüber Formen menschlicher Lebensentfaltung verweisen auf die sozialpolitische Vision, die mit dem Lebenslagenansatz verbunden ist.

Die Grundstruktur und -problematik, die damit in Frage steht, wird in der gegenwärtigen sozialpädagogischen Diskussion durch den sog. capability approach vor allem im Anschluss an Amartya Sen und Martha Nussbaum thematisiert. Es geht darum, wie eine alltägliche individuelle Befähigungs- und Ermöglichungspolitik sozialpolitisch rückgebunden und historisch in einer globalisierten Welt entfaltet werden kann. Es geht auch hier letztlich um eine sozialpolitische Verortung von Sozialpädagogik. Interessant ist nun aber, dass der capability approach letztlich als globalisierte Variante einer Lebenslagentheorie gelesen werden kann. Entscheidend ist aber an dieser Einbindung, dass diese globalisierte Variante auf einem liberalistischen Marktmodell aufbaut. Es fehlt letztlich im globalen Maßstab eine sozialpolitische und -historische Einbindung. Zudem fehlt dem capability approach ein differenzierter Zugang zum Subjekt. Es fehlt damit ein ausdifferenzierter Doppelpass von Sozialpolitik und Sozialpädagogik.




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