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Männliche Sozialisation - Mannsein im Älter-Werden



Reinhard WinterEin Beitrag von Reinhard Winter

Auch wenn wir noch nicht alt sind, altern wir ständig. Wir alle machen ständig Alterserfah-rungen: Erfahrungen mit alten Menschen, mit dem Altern der anderen; aber auch Erfahrungen mit dem eigenen Älterwerden. Selbst zu altern bedeutet nicht nur in unserem Arbeitsgebiet auch etwas ganz Positives. Ältere werden ernster genommen, ihnen wird eher „geglaubt“ als in der Zeit, als sie noch viel jünger waren: ohne berufliche Lebenserfahrung und „frisch von der Uni weg“. Das Altern wird mit gleichsam automatischer Reifung, mit Autorität und einer Tendenz zur Weisheit assoziiert. Besonders Männer profitieren von diesem Kompetenzvor-schuss, ohne viel dazu zu tun.

Damit wird schnell deutlich dass Altern etwas ist, was jede Person auch in ihrer Geschlecht-lichkeit unbedingt betrifft. Bei Männern liefert das Altern häufig einen geschenk¬ten Zuge-winn. Im Älterwerden lädt sich das Männliche mit Status auf. Parallel dazu wachsen Kompe-tenzen, mit denen der ältere Mann den jüngeren im Konkurrieren alt aussehen lassen kann. Das wiederum verjüngt den älteren Mann, weshalb er situativ beides ist: älter und jünger. Konkurrenz mit Jüngeren kann ältere Männer befeuern. Aber nicht nur in der Konkurrenz, auch durch Offenheit, Naivität und Frische des jüngeren kann der ältere Mann vom jüngeren Impulse und Anregung erfahren. Gleichermaßen gewinnt der jüngere Mann im Kontakt mit dem älteren. Er profitiert von dessen Erfahrung und Weisheit, sonnt sich bisweilen in dessen Status, entwickelt sein Männlich-Sein in konkurrierender Reibung, im offenen Aufnehmen oder in der identifikatorischen Auseinandersetzung mit dem Älteren. So kann diese besondere Beziehung zwischen älterem und jüngerem Mann für beide Seiten gewinnbringend sein.

Natürlich verläuft eine solche (wie jede andere) Beziehung nie problemlos. Sie bietet für beide Seiten reichlich Konfliktpotenzial und kann Kränkungen provozieren. Seit ich Lothar Böh-nisch kenne – als doch etwas jüngerer Mann – hat er diese besondere Beziehungs¬konstellation mit vielen jüngeren Männern stets aktiv gestaltet. Hier hat verfügt er über besondere Qualitä-ten und eine ausdrückliche Großzügigkeit, hier hat er eine Gabe, mit der er viele jüngere Männer bereichert und beschenkt hat, mich selbstverständlich eingeschlossen.

Beim Altern gibt es Markierungen, die diesen Prozess strukturieren. Das Passieren einer sol-chen Wegmarke, also etwa eine Emeritierung, kann fürs Männliche im Mann dramatisch und bedrohlich werden. Dass dieses Risiko bei Lothar Böhnisch nicht droht, ist ein interessantes Phänomen. Ein Grund dafür liegt in seiner besonderen Weise, sein Männliches zu leben und sich dabei mit dem Männlichen auch fachlich auseinander zu setzen. Gerade die Ver¬knüpfung zwischen theoretischer und persönlicher Beschäftigung und immer weiterer Vertiefung ist eine Qualität, über die im universitären Raum nur wenige Männer verfügen.

Wie das Körperliche wandelt sich auch das Männliche in Männern biografisch. Es zeigt sich oft anfangs extrem, polarisiert und reduziert, um dann im Lebenslauf integriert, differenziert und nivelliert zu werden. Ist im ersten Fall das Männliche auf den Punkt gebracht, streitbar, provokant, und angreifbar, wird es im zweiten zwar gender-korrekt(er), aber oft leider auch langweilig(er). Das schöne an Lothar Böhnischs Männlich-Sein ist, dass er beide Aspekte parat hat und je nach sozialem Kontext adäquat mobilisieren kann. Deshalb kann man mit ihm Spaß haben, wenn man am oft so schweren Männerthema arbeitet und dann wieder fachlich vertieft und ernsthaft Ausgewogenes produzieren, und man kann umgekehrt gesellig und locker sein, und dabei plötzlich bei gewichtigen Männerthemen landen. Auch dies ist eine Eigenschaft, die sich bei Männern überaus selten findet. An einer Alterungsmarkierung, am Übergang in die nächste Lebensphase des Lehrers, Autors und Wissenschaftlers liegt es nahe, diese künftige Phase in den Blick zu bekommen und – was wissenschaftliche Autoren ja gern vermeiden – auch dezent auf ihn zu übertragen. Was heißt das, was Lothar Böhnisch perspektivisch entwickelt hat, für ihn selbst? Dazu ziehe ich ein Kapitel aus unserem Buch „männliche Sozialisation“ hinzu: „Mannsein im Alter“ und folge ihm assoziierend, kommentierend und erweiternd.

Widersprüchliche Altersbilder

Wenn bei uns vom Altern des Mannes die Rede ist, werden gemeinhin drei Problemkontexte genannt, die im Rahmen der Alterssozialisation zu bewältigen sind:

Der alte Mann hat seinen Status als Ernährer der Familie und Sachverständiger in seinem Beruf verloren. Der Unterhalt der Familie bzw. seiner Frau hängt nicht von seiner aktuel-len Tätigkeit ab. Dies zieht in der Regel einen einschneidenden patriarchalen Machtverlust nach sich. Im Haushalt - dem ausschließlichen Zuständigkeitsbereich seiner Frau - wird der Mann ungern geduldet oder oft von sich selbst als inkompetent erlebt. Auch der bisherige öffentliche Status wird mit dem Austritt aus dem Berufsleben brüchig. Dieser Status-verlust kann, da unsere Gesellschaft den Status des "Weisen" nicht mehr als allgemeinen Altersstatus kennt, nicht durch einen neuen Status substituiert werden. "Jung und dyna-misch" gelten heute eher als Führungsqualitäten, und nicht die Weisheit. Alte Männer scheinen in unserer Gesellschaft weder einen eigenständigen Status zu haben, noch wer-den sie mit ihrer Lebenserfahrung nachgefragt.

Mit dem Austritt aus dem Berufsleben wird die Berufsidentität zur "vergangenen Identi-tät". Trotzdem wird von ihr weiterhin biographisch gezehrt.

Das Schwinden der "Manneskraft" - der letzten "Identitätskrücke" der Männlichkeit - ist diejenige Gebrechlichkeit, die Männer oft am tiefsten trifft, vor allem in der Zuschreibung seitens der sozialen Umwelt. Denn "nicht mehr können können" ist ein Etikett, das schon immer als Vorwurf männlicher Schwäche herhalten musste: ob er nun von an deren Män-nern, von der Partnerin oder von anderen Frauen kommt.

In negativen Alterszuschreibungen, wie sie landläufig gang und gäbe sind, steckt ein Defizit-modell des männlichen Alterns, das wohl von den meisten Männern so übernommen und in gewissem Sinne auch gelebt wird. Dieses Defizitmodell lässt dem Alter so gut wie keine So-zialisationsperspektive. Sozialisation als "Entwicklung der Persönlichkeit in der aktiven Aus-einandersetzung mit der sozialen Umwelt" scheint im Alter nicht mehr stattzufinden: Dem alten Mann wird keine Entwicklung mehr zugestanden, er selbst scheint sich entsprechend zurückzuziehen und die Isolation gegenüber seiner sozialen Umwelt nimmt zwangsläufig zu.

Im Alter - so stellt es sich dar - wird der Mann von seinen eigenen Abstraktionen "übermannt": dem Klammern an das "Außen" das ganze Leben lang, den sozialen und sexuellen Abstraktionen der Überlegenheit. Nun würde das Selbst gebraucht, aber das Innere der brü-chig gewordenen biographischen Männerhülse ist leer.

Dieses Hinführen auf den Aspekt „Mannsein im Alter“ skizziert ein problematisierendes, ja dramatisierendes Bild männlichen Alterns. Altern als unterschwellige und unausweichliche Bedrohung für das Mannsein. Gleichzeitig ist darin eine Chance zur Lösung zu erkennen, nämlich dort, wo sich Männer die Freiheit nehmen, ihr Mann¬sein unabhängig von traditionel-len Vorgaben zu entfalten: Der Statusverlust als Familienernährer ist dem Mann dort völlig gleichgültig, wo er nie alleiniger Familien¬er¬nährer war, sondern alternative Familienformen lebt. Wer den Beruf nicht (zu) ernst nimmt, sondern über sich als Berufsmensch und seine ganze Zunft kritisch distanziert und herzhaft lachen kann, dem ist ein Wandel beruflicher Identität kein Graus, sondern Befreiung. Wer seine Körperlichkeit nicht auf sexuelle Leis-tungsfähigkeit reduziert, sondern Genuss und Sinnlichkeit weit umfassender entwickelt, dem können nicht einmal drohende Potenzstörungen etwas anhaben. Ich bin mir sicher, dass Lothar Böhnisch hier auch für jüngere Männer etwas Modellhaftes lebt.

Das Erstaunliche dabei ist, dass dieses immer wieder neu reproduzierte Stereotyp des alten Mannes mit der Lebenswirklichkeit alter Männer oft gar nicht übereinstimmt. Trotzdem ist es bei diesen selbst und in den familialen und sozialen Bezugsgruppen verbreitet. So weiß man inzwischen, dass die genitale Sexualität des Mannes und seine erotische Motivation bis ins hohe Alter hinein funktionieren. Selbst die Berufsrolle hat vielen schon zu Lebzeiten nicht die Befriedigung gebracht, die sie im Alter nun eher verklärt zugestanden bekommt. Das Problem scheint also nicht das Alter, sondern die Bewältigung des Mannseins im Alter zu sein.

Damit deutet sich eine definitorische Wende an, die allen älter werdenden Männern – das heißt: allen Männern – eine Korrektur und Neupositionierung des männlichen Selbstverständ-nisses nahe legt. Denn in der Reflexion der bisherigen Versuche, das Männliche zu konstruie-ren, fällt ein durchgängiger Fehler im Strickmuster auf. Irgend¬wann ist es nicht zu übersehen, dass ein fundamentaler Männlichkeitsmythos, der besagt, das Männliche sei nicht einfach da sondern müsse stets neu hergestellt werden, eben ein Mythos ist. Der kulturelle Mythos, dass das Mannsein (im Unterschied zum Frausein) nicht einfach da ist, sondern erst produziert oder andauernd bewiesen werden müsse, findet sich in fast allen Kulturen. Dieser Mythos ist es, der Männer an¬spornt und verunsichert, der sie immer wieder dazu drängt, sich anzustrengen, um überhaupt ein Mann zu sein oder zu werden, und um dabei nicht irgendein, sondern ein richtiger oder ein guter Mann zu sein, kurz: um zu beweisen, dass sie männlich sind. Die latent oder offen gestellte Frage der späten Moderne: „wann ist Mann ein Mann?“, thematisiert und zementiert diesen Mythos (ohne ihn zu hinterfragen). Mit zunehmendem Alter wird es für Männer unübersehbar, dass es dramatisch enden kann, wenn man sein Mannsein und damit ja einen wesentlichen Aspekt seiner Person auf diesen letztlich dünnen Mythos gestützt hat.

Merkwürdig ist, dass umgekehrt auf der Frauenseite diese Frage kaum gestellt wird. „Männ-lichkeit“ wird auch und gerade in den Sozialwissenschaften viel häufiger thematisiert und hinterfragt als Weiblichkeit. Konstruktivistische Geschlechterdeutungen befassen sich auffäl-lig häufig mit Problemen der Konstruktion von Männlichkeit und nur wenig mit Weiblichkeit, die von Mädchen und Frauen aktiv agiert wird. Hier reproduzieren und perpetuieren sich in der wissenschaftlichen Diskussion traditionelle Geschlechterbilder und -polaritäten. Das alte neue Ergebnis: Mädchen und Frauen wird ihre Geschlechtlichkeit mehr oder weniger un-hinterfragt zugestanden – Jungen und Männern nicht. Die übliche und berechtigte Kritik an Männlichkeitsvorstellungen setzt so gesehen viel zu spät ein: nämlich dort, wo und wie Män-ner das tun, was von ihnen verlangt wird. Der Mythos, der solches Verhalten (mit) auslöst, besteht dem gegenüber nach wie vor unreflektiert weiter. Älteren Männern, die dem auf die Schliche kommen, bieten sich zwei Möglichkeiten: Entweder den Mythos weiter zu stützen, ihn ungefiltert und unbesonnen an die nächsten Generationen weiter zu geben. Oder ihn und damit sich selbst zu hinterfragen und dabei ihr Männlich-Sein auf ein ganz anderes Fundament zu stellen, es aus einer ganz anderen Quel¬le zu beziehen.

Dabei kann von Frauen und Weiblichkeit das Prinzip abgeschaut wer¬den (ohne in die Falle zu treten, so wie Frauen werden oder Weiblichkeitsideologien entsprechen zu wollen). Denn prinzipiell ist Mannsein nicht schwerer als andere Existenzweisen, in Bezug auf Geschlechter also als das Frausein. Das Mannsein ist auch nicht grundsätzlich problematischer oder falscher. Das Geschlechtliche ist in unserer Kultur zunächst und vermutlich auch auf längere Sicht hin einfach vorhanden, das ist gut so und von den Menschen auch so gewollt. Weil das so ist, weil Geschlechter kulturell existent und bedeutsam sind, braucht es keine besonders erarbeitete, angestrengte oder geleistete „Identität“ als Mann: Etwas, was ohnehin vorhanden ist, muss nicht besonders hergestellt werden. Männer scheinen sich diese Entlastung zu wünschen: „Dein Mannsein ist einfach da und bleibt auch da. Es nimmt dir keiner weg, und du brauchst davor keine Angst zu haben“ – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, eine Art „geborenes Recht“ und eine entspannende Einsicht.

Die nach außen gerichteten Abstraktions- und Projektionschancen der eigenen Hilflosigkeit sind im Alter geringer geworden oder ganz verloren gegangen. Der Überlegenheitsmythos ist verflogen, ist in der Familie und der sozialen Umwelt der Lächerlichkeit preisgegeben. Der alte unbewusste Hass auf die eigene Hilflosigkeit - im Alter mit manifester gesundheitlicher und sozialer Hilflosigkeit vermischt und aktualisiert - kann sich nur noch gegen das eigene Selbst richten, bleibt in ihm stecken. Auch über das "Verächtlichmachen" und "Runtermachen" anderer, jüngerer oder der Zustände überhaupt lässt sich dieser Hass nicht mehr nach außen tragen. Er schlägt stumpf und unbeachtet zurück. Mannsein im Alter scheint ein dem heillosen Selbst Ausgeliefertsein

Soviel zur Interpretation dieses Stereotyps des alten Mannes aus der Sicht kritischer Männer-forschung. Wo soll da noch perspektivenreiche Entwicklung im Alter sein? Ist die männliche Alterssozialisation im wahrsten Sinne des Wortes am Ende?

Der Begriff „männliche“ Alterssozialisation legt nahe, dass es sich dabei um etwas Spezifi-sches handelt. Genau genommen geht es auch hier um die Frage, die in ähnlichen Zusammen-hängen ebenfalls gestellt wird: Was ist überhaupt „männlich“? Leider findet sich darauf keine griffige Antwort. Das liegt daran, dass auch dies ist ein Mythos ist: Dass es einen Kern des Männlichen gäbe, etwas Beständig-Männliches. Mit dem Mythos verknüpft findet sich oft ein Wunsch oder eine Sehnsucht, das „Ur-Männliche“ aus dem allgemeinen Brei der Wirklichkeit herausdestillieren zu können. In einem Laboratorium voller Apparaturen, Glasröhren und Schläuchen wird am Ende nach einem langen Prozess das reine Männliche in einem Glaskol-ben gefangen (es ist wahrscheinlich eine grüne Flüssigkeit). Ein hübsches Bild – aber das Ex-trakt, wonach hier gesucht wird, gibt es nicht. Gleichwohl hält sich der Mythos, dass dieses Extrakt existiere, und dieser Mythos wird von interessierten Kreisen auch gern geschürt und transportiert (nicht zuletzt von restaurativen Männlichkeitsfanatikern, nicht nur im Mytho-Männerkontext, sondern auch in Teilen der sich so nennenden Männerforschung).

Nicht zuletzt der Erfolg populärwissenschaftlicher Geschlechts-Orientierungs-Bücher (von „Warum Männer nicht zuhören...“ bis „Was vom Manne übrig blieb“) verweist auf Verunsi-cherung darüber, was „männlich“ ist. Das ständige Abgleichen- und Vergewissern-Müssen deutet auf Irritationen und Bestimmungszwänge hin. Als problematisch erweist es sich, wenn Geschlechterforschung einerseits das Paradigma übernimmt, das mit zur Verunsicherung führt: nämlich das der „schwierige(re)n“ männlichen Identität. Und wenn sie auf der anderen Seite gnadenlos Alltagstheorien demontiert, ohne Alternativen bieten zu können. Salopp formuliert wirkt Geschlechterforschung dabei manchmal wie die Kirchen: Sie verspricht Probleme zu lösen, die es ohne sie nicht gäbe. Gerade älteren Männern (und Jungen) hilft es nur wenig zu sagen: „Es ist im Männlichen doch alles nur konstruiert, individualisiert, pluralisiert und ohnehin völlig offen“. Nicht, dass es auf der anderen Geschlechterseite mehr Vorstellungen gäbe, was heute grundlegend „weiblich“ sein soll – nur scheint dies einfach nicht so wichtig zu sein, dieses Thema bleibt einfach ausgeblendet.

Wenn vermittelt werden kann, dass das Mannsein auch im Alter zunächst einfach „da“ ist, entlastet dies bereits: Der ältere Mann muss nichts (mehr) tun, um männlich zu sein, er ist es. Wenn zudem Angebote gemacht werden, wie das Mannsein in einer positiven Weise gesehen, bewältigt und gefördert werden kann, ohne auf traditionelle, biologistische oder fundamenta-listische Mythen zurückzufallen, ist das meist ebenfalls sehr hilfreich. Hier braucht es gerade heute Modelle, Vorbilder, experimentierfreudige ältere und alte Männer – wie Lothar Böh-nisch – die sich von den Irritationen nicht beirren lassen und sie trotzdem ernst nehmen und in ein „anderes Alter-Mannsein“ integrieren.

Weil diese Diskussion den allermeisten älteren Männern nicht geöffnet wird, entsteht jedoch ein spezifisches soziales Vakuum. Und wie immer, wenn soziale oder individuelle Bedürfnisse nicht bedient werden, nützt der Kommerz seine Chance. Er verspricht, das Männlichkeits-dilemma des Alterns zu lösen.

In den letzten Jahren gibt es kulturelle Tendenzen, die das Motto propagieren, mit dem Alter fange doch das "eigentliche" Leben erst richtig an, man(n) könne im Ruhestand nun endlich das tun, was einem im fremdbestimmten Arbeitsprozess immer verwehrt wurde: Seinen eige-nen Interessen nachgehen, für sich selbst etwas tun. Diese Ansprüche und Verheißungen für das Alter sind vor allem von der Konsumwirtschaft und ihrer Werbung vermarktet worden. In ihrem ökonomischen Kalkül gibt es längst nicht mehr "das" Alter, sondern verschiedenartige Altersgruppierungen mit entsprechend unterschiedlichen Konsummotivationen. Der Kon-summarkt scheint das Alter in Bewegung zu bringen und umgekehrt. Ältere Menschen verfü-gen heute - im Durchschnitt - über mehr Zeit und Geld denn je, sind genussfreudiger und selbstbewusster geworden. Sie gelten nicht mehr länger als Kostenfaktor - mit den traditionel-len Etiketten "inaktiv" und "hilfsbedürftig" behaftet - sondern als kommerzieller und damit auch (zumindest in der Sprache der Konsumwirtschaft) gesellschaftlicher "Aktivposten". Mit vitalen Sechzigern und Siebzigern wird heute offensiv geworben. Dass die Alten nicht mehr ihre "Restleben" leben, sondern das Alter als eigenständige Lebensphase genießen wollen, gilt in Marketingkreisen als ausgemacht und damit als verlässliche Prognose für eine eigene ex-pansive Konsumwelt des Alters.

Was an diesen Zuschreibungen auffällt ist, dass davon ausgegangen wird, dass die Selbstver-ständlichkeit der Männerdominanz und der sozialen Außenaktivität ins Alter hinein verlängert werden kann. Der Begriff "Nachkarrieristen" z.B. ist deutlich an den männlichen Berufstyp des Aufsteigers angelehnt. Abgesehen davon, dass sich bei wachsender Sinnabschwächung der Berufsarbeit die Konsumwelt den Männern als Kompensat anbietet - der hegemoniale männliche Konsumententyp ist in der Reklame unübersehbar - ist folgendes verblüffend: Wir sehen uns - wenn wir das herkömmliche Altersstereotyp und das neue Konsumbild des Alters miteinander vergleichen - mit polarisierten Altersdefinitionen konfrontiert. Hier das Stereotyp des sozial und biologisch abgehalfterten alten Mannes, dort dagegen das Konsumbild des ak-tiven Alten, der seine Außenorientierung und Überlegenheitsprojektionen nur einfach in die Konsumwelt übersetzen braucht (so er das Geld dazu hat) und Mann Mann sein lassen kann.

In diesem Spannungsfeld muss sich der alternde, der ältere und der alte Mann positionieren – sofern er die Gestaltungs-Chance dazu bekommt und er sie sich nimmt. Der gendertheoreti-sche Mainstream berücksichtigt ihn als Realität kaum. Das lässt sich auf eine defizitäre Grundperspektive im Diskurs zurück führen. Hier dominieren soziologisch deskriptive Ansät-ze. Nichts gegen Soziologie, nur hilft sie oft nicht weiter, wo es ums wirkliche Leben geht. Klassische Soziologie beschäftigt sich auf der Männerseite mit Männlichkeiten, mit Ideologien (meist ohne dies zu merken) und nicht mit wirklichen Männern. Sie befasst sich mit Männerstrukturen, aber nicht mit lebendigen Männern, schon gar nicht mit alternden. So hin-terlässt sie häufig eine Realitäts- und Alltagslücke. Analytische Hilfsbegriffe, wie „hegemo-niale Männlichkeiten“ oder „Männlichkeitskonstruktion“ werden als Wirklichkeit dargestellt und für die Praxis darüber hinaus moralisch aufgeladen. Das führt im alltäglichen Handeln, in der Begegnung mit älteren und alten Männern, die nun vielleicht sogar bedürftig oder desori-entiert sind, zur verschärften Ratlosigkeit. Es wird oder bleibt unklar, was nun in der Wirk-lichkeit, im Kontakt, im pädagogischen Feld oder in der familiären Interaktion getan werden kann und soll. Diese soziologische Perspektive macht handlungsunfähig. Aus dieser Situation heraus verlassen sich viele (nicht nur) ältere und alte Männer auf die althergebrachten Mythen, die ihnen wenigstens Halt versprechen.

So gesehen bewegen sich viele Genderdiskurse in der Wissenschaft mangels Alternativen am ausgefransten Rand der Peripherie von Geschlechterwirklichkeiten. Dabei werden Gender-pragmatismus und alltägliche Handlungsnotwendigkeiten leicht aus den Augen verloren. Ger-ne zeigen sich hier die Nachwuchskonstruktivisten, indem sie Männern Theoriefragmente um die Ohren schlagen. Damit verwirren sie Zuhörer und versuchen, ihnen sämtliche Genderbö-den wegzuziehen – um dann in der Pause doch wieder selbstverständlich die Männer- bzw. Frauentoilette aufzusuchen. Lothar Böhnischs Männer-Soziologie(n) sitzt in dieser Falle nicht, weil sie sich am Leben, an Lebenslagen und an der Lebensbewältigung orientiert. Das macht die Perspektive frisch und den Ansatz brauchbar.

Wenn wir einen allgemeinen Zugang zum Altern des Mannes erarbeiten wollen, so können wir nun drei Aspekte assoziieren:

Die Art wie das Mannsein im Erwachsenenalter bewältigt wurde, hat Einfluss auf die Be-wältigung des Mannseins im Alter.

Je mehr der alte Mann aus seinen früheren sozialen Rollensystemen, in denen die männli-che Geschlechterrolle eingelassen war, im Alter ausgeschlossen ist, desto mehr gewinnt die Selbst- und Fremdwahrnehmung seiner Männlichkeit bei der Bewältigung des Mannseins im Alter an Bedeutung.

Je mehr neue soziale Interaktionsformen und -rollen der Mann von sich aus entwickeln kann, desto größer ist die Chance zur Veränderung und zum Aufbau einer andern Soziali-sationsperspektive im Alter. Die neuen sozialen Rollen im Alter können sich dabei nicht mehr auf Leistung und Konkurrenz gründen, sondern müssen aus dem Zusammenhang der Empathie heraus entwickelt werden.

Die Chance des Mannes im Altern liegt darin, auf und zu sich selbst zu kommen. Altern be-freit von Zuschreibungen und strukturellen Zwängen insbesondere der beruflichen Arbeit, in der Männlichkeitsmuster unausweichlich das Mannsein zu domi¬nieren scheinen. Wo Berufs-arbeit und familiäre Arbeitsteilung das Mannsein ins Traditionelle geknebelt haben, stehen die Chancen für Entwicklung eher schlecht. War das Leben des älteren Mannes mit männlichen Abstraktionen und Männlichkeitsprojektion ausgefüllt, stellt sich sein Altern als schwierige bis unlösbare Aufgabe, als Überforderung. Er muss sich auch noch als alter Mann ans alte Männliche klammern. Gibt es aber eine Fundus an persönlichen und sozialen Erfahrungen, die er im Prozess des Alterns neu aktivieren und integrieren kann, bietet sich tatsächlich die Chance, dem Alter-Mann-Sein völlig neue Qualitäten und Perspektiven abzugewinnen.

Gelingt es, zum männlichen Selbst zu finden - und das ist, wie wir gesehen haben, vor allem auch davon abhängig, ob es in der bisherigen Biographie Chancen und Bestrebungen in Rich-tung auf ein anderes Mannsein gab - dann könnte das Alter für den Mann, bei allen möglichen Einschränkungen durch Gesundheit und soziale Mobilität, zu einer Lebensphase der "Neuent-deckung" des Selbst werden. Damit würde das Alter Möglichkeiten des Mannseins eröffnen, die dem jungen und erwachsenen Mann verwehrt und verschüttet waren. Aus der Sicht kriti-scher Männerforschung liegen hier die Ansatzpunkte für eine Theorie männlicher Alterssozia-lisation: In welchen psychischen und soziogenen Konstitutionen können Männer zu einem anderen Mannsein im Alter gelangen? Welche Bedingungen sind für die Freisetzung dieses anderen Mannseins zu explizieren? Wie kann die "Potentialität" des anderen Mannseins im Alter empirisch nachgewiesen werden? Der zentrale Punkt dabei ist nach unserem Sozialisati-onsmodell die Frage, ob die erlebte Hilflosigkeit im Alter – aufgrund des Verlusts der mann-definierenden sozialen Außensysteme, aber auch durch Krankheit und Gebrechlichkeit und des Erlebnisses der eigenen Endlichkeit – im Selbst integriert und in Empathie nach außen umgesetzt werden kann.

Älter werden verspricht dem Mann, die statusbezogene Fixierung auf die Erwerbsarbeit zu lösen. Er gewinnt im Älterwerden Zeit und Muse. In den üblichen beruflichen Handlungs-zwängen bleibt kaum Zeit zum Nachdenken über sich als Mann – allenfalls ein Hinterherdenken, vor allem in Krisen. Aufs wirklich Wesentliche kommt der Mann so nicht. Um auch in Bezug aufs Mannsein wirklich kreativ zu sein, um schöpferisch zu werden und etwas Neues schaffen braucht es Ruhe und Muse – und das verspricht die Lebensphase nach den Zwängen der Erwerbsarbeit. Im klassischen Indien werden vier Lebensalter unterschie-den: die Schul- und Ausbildungszeit (Brah¬macharya), das Berufs- und Familienleben (Grihasthya), die Zeit des Alters nach der Berufsphase (Vanaprastha) und am Ende die Vorbereitung auf den Übergang in die geistige Welt (Sannyas). Die Zeit nach der Berufstätigkeit, Vanaprastha, gilt als ein Alter mit besonderen Aufgaben: Neben dem Weitergeben des Wissens an andere geht es hier vor allem um die Lösung der Verhaftungen und um die spirituelle Entwicklung. Für das Mannsein ist damit der Auftrag umschrieben: Jetzt geht es darum, Wesentliches zu erkennen und das Männliche in größeren Zusammenhängen zu sehen. Weil Lothar Böhnisch immer schon von männlichen Statusfixierungen frei war (Auto!), weil er den Wandel aktiv voran trieb und nie aus Sicherheits- oder Statuswünschen an Stellen und Stühlen klebte, wird er auch diese Phase in Freiheit füllen können.

Natürlich darf auch bei einer so positiven Sichtweise das Schwierige des männlichen Alterns und Altwerdens nicht verschwiegen werden. Altern ist im höheren Lebensalter nicht nur erfül-lend, kreativ und genussreich, sondern bringt auch Beschwerliches, Anstrengendes, bisweilen auch Furchtbares mit sich. Wirklich alt zu werden ist auch eine Mühe, selbst wenn Demenz nicht gleich mit einkalkuliert wird. Nach antiker Vorstellung heißt Leben zugleich Sterben lernen in einer Haltung von Gelassenheit und Souveränität. Damit konfrontieren Altern und Altwerden den Mann mit seinen Grenzen, mit der eigenen Endlichkeit und mit dem Tod. Die-sem Aspekt nicht auszuweichen, sondern ihn als Selbstverständlichkeit des Lebens zu schät-zen ist ein Schritt zur männlichen Weisheit im Alter. Dies ermöglicht die Integration der eige-nen Vergänglichkeit aus einem einfachen Grund: Es kann Neues entstehen. Leben heißt nur deshalb Sterben lernen, weil Leben Wandel ist. Dies schließt ein verändertes, weiter entwi-ckeltes Mannsein mit ein. Und dieses Prinzip verkörpert Lothar Böhnisch.

Lothar Böhnisch und ich gehen die leicht ansteigende, wenig befahrene Hauptstraße im Toskanastädtchen entlang. Er ist etwas jünger als ich jetzt bin. Im Schatten vor der kleinen Bar sitzen ältere und alte Männer. Sie schauen auf die Straße, trinken einen Café, unterhalten sich, spielen, machen Witze und leben ihr Mannsein in den Tag hinein. Ihnen geht es offensichtlich gut mit ihrem Älterwerden. In diesem Ambiente entstanden wesentliche Ideen für das Kapitel „Mannsein im Alter“ unseres Buchs männliche Sozialisation. Es ist kein Zufall, dass es Lothar Böhnisch jetzt nach seiner Emeritierung wieder ins Italienische zieht.

Reinhard Winter



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