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Land und Region



Helmut ArnoldEin Beitrag von Helmut Arnold

Textauszug: Sozialpolitik 1999, S. 288ff.: Die sozialräumliche Konstitution sozialer Probleme

„Die Urbanisierung bedeutet in der historischen Entwicklung der modernen Industriegesellschaft eine qualitativ neue Stufe der Industrialisierung. Die Stadt wurde nicht nur zentraler Ort der Produktion, sondern selbst Produktivkraft, indem die Elemente des industriellen Produktionsprozesses in ein qualitativ neues – räumliches – Verhältnis zueinander gebracht wurden. Mit den neuen urbanen Zentren entstand eine räumliche Vereinigung von Produktion, Reproduktion und Distribution. Der städtische Raum war damit mehr als nur eine Anhäufung von Technik, Reichtum und industriellen Lebensweisen. Entscheidend war, daß die ökonomischen, sozialen und kulturellen Inhalte, die im städtischen Raum in Einem konzentriert waren, sich gegenseitig in eben dieser Nähe aufschlossen. Das Urbane war und ist Ort und Zeit der „Manifestation von kontroversen Inhalten“ (Lefèbvre 1976). Im städtischen Bereich prallen kontroverse ökonomische, soziale und kulturelle Inhalte räumlich aufeinander, werden aber in diesem Aufeinandertreffen gleichzeitig immer wieder befriedet. Diese urbane Dialektik von Konfrontation und Befriedung bringt typische sozialpolitische Institutionen und Öffentlichkeiten hervor, in denen die ökonomischen und sozialen Widersprüche historisch neu vermittelt werden. In der sozialräumlichen Dialektik des städtischen Raums als Dialektik von Konfrontation und Befriedung konkretisiert sich das sozialpolitische Prinzip. Dieses erhält so eine räumliche Struktur: An die Stelle der traditionellen ‘Raum-Zeit-Distanzen’ treten Segregationen, Ballungen und soziale Brennpunkte. Das Urbane hat aber nicht nur eine spezifische innere Struktur, es strahlt auch nach außen in die Gesellschaft hinein: Es konstituiert sich das Prinzip der Zentralität.

In dieser urbanen Vergesellschaftung wurde der ländliche Raum zwar stetig modernisiert, die urbane Dialektik von Konfrontation und Befriedung blieb ihm aber weitgehend fremd. ‘Nähe’ des ländlichen Raumes war und ist im Vergleich zur urbanen Nähe undialektisch, bleibt etwas nicht Widersprüchliches, Komplementäres, traditionell Nebeneinandergesetztes, Widersprüche Ausgrenzendes. Die Dörfer sind partiell modernisiert, die modernen Strukturen nicht durchgängig, es kommt auf lokale Persönlichkeiten an, wie Entwicklungen interpretiert und traditionelle soziale Kontrollformen aufgebrochen werden. Dieses unvermittelte soziale und kulturelle Nebeneinander von traditionalen und modernen Definitionen äußert sich im Verständnis von Arbeit und Beruf, von Hilfe und sozialer Sicherheit, von Privatheit und Öffentlichkeit, vor allem aber auch im geschlechtsspezifischen Rollenverständnis auf dem Dorf. All diese Zuschreibungen gelten für das Verhältnis zwischen Dorf und Stadt, wie es sich im Prozeß der Urbanisierung des 20. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt hat und wie es vor allem in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands durchgängiger als in Westdeutschland anzutreffen ist. In Westdeutschland dagegen hat sich in den 60er, 70er und 80er Jahren ein Regionalentwicklungsprozeß vollzogen, in dem das durch die Urbanisierung erzeugte Spannungsverhältnis zwischen Großstadt und Dorf durch die Herausbildung von Region und Regionalität überlagert wurde. An diesen neuen sozialökonomischen und sozialkulturellen Bezügen von Regionalität setzt die moderne auf den ländlichen Raum bezogene Sozialpolitik als soziale Regionalentwicklungspolitik an. Die traditionelle Bezugsgröße Dorf ist heute sozialpolitisch – wenn auch nicht alltagskulturell – überholt.


Region und Regionalität als sozialpolitische Bezugsgrößen

Seit der sozialwissenschaftlichen Diskussion der 80er Jahre, welche versucht hat, das moderne Stadt-Land-Verhältnis in den Paradigmen von Ballung/Entleerung und Verdichtung/Ausdünnung zu formulieren, tritt das Dorf als sozialwissenschaftliche und sozialpolitische Kategorie zurück (vgl. dazu Schmals/Voigt 1986). Der Begriff der Region bzw. der Regionalität als Bezugsgröße zwischen Dorf und Stadt trat in den Vordergrund. Mit ihm ist die Annahme verbunden, daß die Dörfer heute stärker von ihrer regionalen Umwelt geprägt und in ihren sozialen Problemen regional vermittelt sind (z. B. räumliche Trennung von Wohnung und Arbeitsplatz, Entwicklung von Neubaugebieten, regional-politisch induzierte Funktionsgewinne bzw. Funktionsverluste). Die dörfliche Reproduktion läuft nur noch teilweise über dorfimmanente Strukturen.

Regionale Strukturen bilden sich in dem Maße heraus, indem der urbane Zentralitätsprozeß an seine Grenzen gestoßen ist. Damit hat sich die Entwicklungsdimension der ländlichen Modernisierung vom Spannungsverhältnis Großstadt – Dorf auf die eigenständige Zwischenwelt des Regionalen verschoben. Region ist damit zum Strukturprinzip und Regionalität zum Entwicklungsprinzip der Modernisierung geworden. Diese Entwicklungsdimension ist nicht nur sozialökonomisch, sondern vor allem soziokulturell geprägt. Diese soziokulturelle Perspektive der Aneignung der regionalen Entwicklung durch die Bewohner aus der regionalen Vielfalt und Differenz heraus wird heute im Optionsmodell der Regionalentwicklung in den Vordergrund gestellt (vgl. dazu Marx 1998). Diese Vorstellung regionaler Optionen spielt auch für die regionale Sozialpolitik und die Entwicklung zukünftiger regional orientierter Sozialmodelle eine wichtige Rolle.

Mit dem soziokulturellen und bürgerschaftlichen Optionsmodell der Regionalentwicklung setzt sich die neuere Regionaldiskussion von früheren ökonomistischen und zentralistischen Konzepten ab. Dies gilt sowohl für den industrialisierungstheoretischen Ansatz der ‘nachholenden Modernisierung’, welcher die sozialräumlichen Eigenheiten des ländlichen Raumes nicht als Ressource definieren kann, als auch vom funktionalistischen Ansatz, dem es um die funktionale Interdependenz einzelner Teilräume geht und der die regionalen Besonderheiten nicht nur nicht berücksichtigt, sondern auch als Störfaktoren auszuschalten versucht. Auch dem Zentrum-Peripherie-Modell wird entgegengehalten, daß von Vornherein die historische Abhängigkeit der Region festgeschrieben wird. Vorgeschlagen wird dagegen ein Begriff von Region und Regionalität, der von den in der Region handelnden Subjekten her zu definieren ist (vgl. dazu Hahn 1984; Hahn/Vonderach 1987; Meier-Dallach u. a. 1985).

In der Entwicklung der ländlichen Räume Westdeutschlands in den 70er und 80er Jahren hat sich allerdings der funktionalistische und ökonomistische Ansatz als Leitperspektive der Regionalentwicklung durchgesetzt. Die soziokulturell rückgebundene Options- und Aneignungsperspektive wurde später in zahlreichen Modellprojekten zur Humanisierung und Kulturalisierung des modernen regionalen Raumes eingebracht, konnte aber nicht als Leitmodell eigenständiger Regionalentwicklung sozialökonomisch und sozialpolitisch transformiert werden. Erst der durch die Globalisierung ausgelöste Zwang, nach eigenständigen regionalen Sozialmodellen im Kontrast zur globalisierten Entwicklung zu suchen, macht die Options- und Eigenständigkeitsmodelle wieder interessant. Die sozialpolitische Diskussion der nächsten Jahrzehnte im ländlichen Raum wird sich also – vor allem in Ostdeutschland – in der Spannung von funktionsräumlichem Entwicklungsmodell und Optionsmodell (regionale Eigenständigkeit) abspielen.

Deshalb ist es notwendig, in groben Zügen auf das funktionsräumliche Entwicklungsmodell, an dem sich die heutige Sozialpolitik orientiert, einzugehen. In diesem Modell spielen die zentralen Orte eine dominante Rolle. Zentrale Orte sind gekennzeichnet durch ein ökonomisches, soziales und kulturelles Surplus, das, über den Bedarf ihrer eigenen Bevölkerung hinaus, der Umlandbevölkerung zugute kommt (vgl. Kulinat 1975). In der funktionsräumlichen Betrachtungsweise gehören Klein- und Mittelstädte und der sie umgebende ländliche Bereich zusammen. Die Größe und Lage solcher Zentren beeinflußt damit die territoriale Struktur der Verbindung und Erreichbarkeit, ordnen den ländlichen Raum und grenzen ihn von den urbanen Ballungsgebieten ab. Regionalität schafft ein eigenes, ballungsgebietsabgewandtes sozialökonomisches und sozialkulturelles Magnetfeld. Diese ballungsgebietsabgewandte funktionsräumliche Regionalentwicklung folgt dem Konzept der „funktionsräumlichen Arbeitsteilung“ (vgl. dazu Derenbach 1981). Mit der Verwirklichung dieses Konzepts in den 80er Jahren sollte das traditionelle regionalpolitische Modernisierungsprinzip der nachholenden und flächendeckenden Industrialisierung des ländlichen Raumes (mit dem Risiko einer hohen konjunkturellen Abhängigkeit peripherer Standorte von den urbanen Zentren) überwunden werden. Das Steuerungsprinzip der funktionsräumlichen Arbeitsteilung teilt den ländlichen Raum in produktionsorientierte und reproduktionsorientierte Welten auf: Auf der einen Seite finden wir die produktions- und infrastrukturell entwickelten Standorte bzw. Standortachsen, die weiter ausgebaut werden, auf der anderen Seite vor allem Räume mit reproduktiven Funktionen wie Erholungs-, Wohn , Fremdenverkehrs- und Naturräume, denen auch meist die Agrarräume zugeordnet sind.

Aufgrund einer hohen, auf dem Lande meist selbstverständlichen innerregionalen Mobilität, einem enorm gewachsenen und angebotsdifferenzierten ländlichen Konsummarkt und einer gestiegenen Attraktivität naturnaher Wohnplätze scheint diese Art der regionalen Entwicklung eine hohe soziale Akzeptanz in der Bevölkerung zu haben. Dennoch gibt es immer wieder sichtbare Nachteile, neue Disparitäten, welche mit der funktionsräumlichen Arbeitsteilung verbunden sein können und die ländliche Sozialpolitik herausfordern: Soziale Segregationen in auswuchernden ländlichen Neubaugebieten (Trabantendörfern), Zwang zu überdurchschnittlicher, zeitextensiver Arbeitsplatzmobilität, hierarchische Aufteilung der Erwerbsmöglichkeiten zwischen Männern und Frauen. Gerade das letztere Problem hat in den 80er und 90er Jahren zu verschiedenen sozialpolitischen Modellen der Entwicklung von Berufs- und Teilhabeperspektiven von Frauen im ländlichen Raum geführt (vgl. dazu Knab 1998). Allerdings sind damit auch neue soziale Konflikte in den ländlichen Raum gekommen, welche aber notwendig sind, um eine optionsorientierte eigenständige Regionalentwicklung anzutreiben. Denn die Entwicklungskapazität und der Standortvorteil mancher ländlicher Regionen beruht ja auf nichts anderem als auf der Nutzung billiger weiblicher Arbeitskraft zu schlechten Bedingungen. Frauen – so die Kritik, wie wir sie in frauenorientierten ländlichen Entwicklungskonzepten heute finden – werden immernoch und wieder als Manövriermasse bei der Flexibilisierung der Produktions- und Arbeitsbedingungen, aber auch bei der privaten Abwälzung familialer Kosten der Regionalentwicklung benutzt.

Ländliche Regionalentwicklung im ost-westdeutschen Vergleich

Die bisherigen Aussagen zur Regionalentwicklung und Regionalpolitik des ländlichen Raumes bezogen sich vor allem auf die ballungsgebietsabgewandten Räume Westdeutschlands. Mit der deutschen Einigung ist eine Entwicklungskonstellation des ländlichen Raumes entstanden, in der zwei unterschiedliche Welten im Kontrast zueinander stehen. Wenn man durch die ländlichen Gebiete Ostdeutschlands fährt, so hat man – im Norden stärker als im Süden – den Eindruck, daß es hier wie in den 60er Jahren in der alten Bundesrepublik aussieht: kleine, infrastrukturell wenig entwickelte Dörfer, noch unterschiedlich erwachte Kleinstädte, Straßen, die immer noch nicht für die regionale und überregionale funktionsräumliche Mobilität eingerichtet sind. Dazwischen liegen Ruinen, Reste oder genossenschaftliche Umwidmungen von Agrarkombinaten, ab und an hoffnungsvoll oder trotzig ausgewiesene oder teils besetzte Gewerbeflächen. Allerdings ist dieser Vergleich zu einem ost-westdeutschen Entwicklungsstadium nicht so einfach zu ziehen. Denn zwischen den 50er und 90er Jahren gab es ja in der DDR eine Entwicklung des ländlichen Raums, deren Reste wir zwar heute nur noch sehen, die aber die jetzigen Ausgangsbedingungen der Regionalentwicklung entscheidend mitgeprägt haben. Wenn wir also die sozialpolitischen Ausgangsbedingungen der zukünftigen Regionalentwicklung in Ostdeutschland thematisieren wollen, müssen wir uns auch und immer noch über die besondere Entwicklung des ländlichen Raumes in der DDR vergewissern.

Die agrarindustriellen Komplexe der landwirtschaftlichen Kombinate und Produktionsgenossenschaften hatten den ländlichen Raum der DDR agrarindustriell, aber nicht bäuerlich geformt. Eine LPG war nicht nur produktionstechnisch und ökonomisch hochdifferenziert, sie prägte auch das soziale und kulturelle Leben ihrer ländlichen Umwelt. Von sozialen und kulturellen Angeboten bis zur Versorgung von Konsumgütern war alles über die LPG organisiert. Man konnte dort nicht nur agrartechnische, sondern auch andere handwerkliche, kaufmännische und dienstleistende Berufe lernen und sich in seinen Berufsperspektiven darauf beziehen. Die Dörfer in der DDR waren mit der Zeit immer weniger durch eine bäuerliche Kultur bestimmt und wurden eher zu familienübergreifenden Reproduktionsorten für die agrarindustriellen Komplexe. Das Dorf funktionierte zwar als Ort von Gegenseitigkeit, Intimität und sozialer Kontrolle, es hatte aber mit der Zeit seine kulturelle Eigenständigkeit und traditionelle Integrationskraft verloren (Ausnahmen waren z. B. die sorbischen Dörfer in der Lausitz). Nach der Wende, mit dem Absterben der agrarindustriellen Komplexe, lagen die Dörfer zurückgeblieben und auf sich gestellt da.

So wie die Dörfer auf Grund der DDR-Tradition in Ostdeutschland wenig eigene regionale Entwicklungskraft haben, sind auch die ländlichen Kleinstädte noch nicht in der Lage, ausreichend regionale Entwicklungsperspektiven zu vermitteln. Sie sind zwar Konsumzentren geworden, können darüber hinaus aber in aller Regel auf die Region wenig soziokulturell – im Sinne des Konzepts der regionalen Zentren – ausstrahlen. Dies ist vor allem auch darauf zurückzuführen, daß auch die Kleinstädte – abgesehen von ihrer Verwaltungsfunktion – zur Zeit in der DDR im Schatten der agrar-industriellen Komplexe lagen. Sie sind keinesfalls vergleichbar mit den westdeutschen Kleinstädten im ländlichen Raum, denen im Rahmen der Regionalentwicklungspolitik eine Unterzentrenfunktion zugeordnet wurde. Den ländlichen Räumen in Ostdeutschland geht also jene Regionalität ab, wie sie sich in den alten Bundesländern in den 70er und 80er Jahren ‘zwischen Dorf und Stadt’ entwickelt hat. Ländliche Sozialpolitik in Ostdeutschland beinhaltet also vor allem auch die Aufgabe, Regionalität soziokulturell – durch Förderung von entsprechenden Projekten eigenständiger Regionalentwicklung, durch regionale Querschnittspolitik im Bereich von Schule, Berufsausbildung und Beschäftigungsförderung – herzustellen.

Dies ist umso folgen- und perspektivenreicher, als gerade in Ostdeutschland nicht abzusehen ist, daß sich die ländlichen Räume angesichts der ökonomisch und sozialräumlich ausgrenzenden Wirkung des Globalisierungsprozesses ebenso funktionsräumlich modernisieren können wie im Westdeutschland der 70er und 80er Jahre. Vielmehr ist hier die Gefahr gegeben, daß Teile des ländlichen Raumes von den globalinfizierten Modernisierungsströmen abgehängt werden und sich damit jene Phänomene sozialer Ausgrenzung ausbilden, wie sie in anderen ländlichen Regionen Süd- und Westeuropas inzwischen drastisch beschrieben worden sind (vgl. dazu Grünbuch der EU 1993). Auch ist nicht abzusehen, daß sich die Bevölkerung des ländlichen Raumes in den neuen Bundesländern in dem Ausmaß entmischen und demographisch neu formieren wird, wie dies in den 80er Jahren in Westdeutschland angesichts einer hohen Arbeits- und Wohnortmobilität der Fall war. Es kommt also darauf an, unter den jetzigen Ausgangsbedingungen endogene Entwicklungspotentiale zu aktivieren. Damit erhält das Aneignungs- und Optionsmodell der eigenständigen Regionalentwicklung gerade in Ostdeutschland einen Sinn und seine Perspektive. Dies bedeutet, daß endogene Regionalentwicklungspolitik zu einer Art Meta-Sozialpolitik des ländlichen Raumes werden muß. Im Mittelpunkt steht dabei der regionalpolitische öffentliche Diskurs, der ein optimistisches Regionalklima schüren und Ideen und Initiativen für regionale Beschäftigungs-, Ausbildungs-, Produktions- und Distributionsmodelle transportieren soll“.

Wer wissen will, wo die Büffel grasen, muss in die Prärie reiten!

Diese alte Indianerweisheit gilt zeitlos und wenn man eine relative terra incognita betritt erst recht. Was ist das für ein Land, in dem die letzten Züge mit Prager Botschaftsflüchtlingen 1989 durch einen abgedunkelten Dresdner Geisterbahnhof schlichen, bevor die Trabbis gen Westen fuhren und die schönen Arbeitslosenstatistiken der reichen Südstaaten aus dem Lot brachten. Wie wird das Land den Aderlass der mittleren Generation verkraften? Existiert ein Bürgertum in den Städten, das seinen kulturellen Nimbus und sozialen Status bewahrte und als Mittelschicht ein stabilisierendes Element im Gesellschaftsgefüge bildet, wie wir von Woody Allen wissen, der das Ausgleichende dieser Schicht lobt, die sich so schnell nicht in Wallung bringen und zu Widerstand oder Verzweiflung hinreisen lässt.

Als Lothar Böhnisch – in entgegen gesetzter Richtung reisend – seine Zelte in Dresden aufschlug, war er in Sachen Land und Region gerüstet. Nach seiner Zeit als DJI-Direktor hatte er Mitte der 80er Jahre der schicki-micki Großstadt München – freilich war dort auch viel links-alternative Opposition inklusive Veteranen der Heimrevolte und sonstiger Großtaten der glorreichen 68er, von denen er uns an launigen Abenden bei einem Glas Wein authentisch zu berichten wusste – den Rücken gekehrt, sich im Herzen der schwäbischen Provinz niedergelassen und den latte macchiato im Rossini gegen einen zünftigen Wurstsalat auf der schwäbischen Alb eingetauscht. Im geografischen Koordinatenkreuz zwischen dieser Alb und dem Schwarzwald, dem Oberland hinunter bis zum Bodensee und hinauf wiederum bis ins Hohenlohische betrieb er nunmehr mit seinem Team aus Diplomand/innen und Doktorand/innen Studien zu den ländlichen Lebenswelten, die als Fallstudien zur Landjugend publiziert wurden. Der ländliche Alltag wurde von den Jugendlichen erfahren als „Zwischenwelt“: Sie bewegten sich zwischen traditionalen Rollenbildern, eingebettet in eine Geborgenheit des Selbstverständlichen, waren andererseits abgestoßen von der Enge des Dorfmilieus und seinen erwachsenendominierten Vereinen, in denen Jugend allenfalls als Nachwuchs wahrgenommen wurde, wenngleich der eine oder andere als Held auf dem Sportplatz reüssieren konnte. Die Perspektiven waren gleichwohl überschaubar und so manche spielten mit dem Fluchtpunkt Stadt und irgendwie alternativen Lebensentwürfen, wobei alternativ nur bei wenigen grün-alternativ bedeutete, wenngleich gerade diese Teilgruppen nicht selten eine Art Keimzellen für veränderte Lebenspraxis in ländlichen Regionen ausmachten und im Spannungsfeld zwischen ‚Abhauen und Bleiben’ sich für das Bleiben entschieden hatten (nicht selten auch für die Rückkehr nach dem Studium), um mit neuen Initiativen frischen Wind in die „Provinz“ zu tragen. Er war also gerüstet.

Was fand er nun vor in Sachsen? Wie waren die Lebensverhältnisse jenseits der Ossi-Wessi-Debatte zu begreifen, wo war sozialpolitische Gestaltung notwendig und sozialpädagogische Initiative gefragt? Was sollten und konnten die Absolvent/innen des Studiengangs einmal unternehmen, wo waren ihre Projekte, ihre Dienstgeber? Wie sah die Praxislandschaft aus, so es sie überhaupt gab? Fragen über Fragen! Werner Thole lobte in einem frühen Aufsatz die Vielfalt der Freizeitangebote in den noch existenten und sich teilweise neu positionierenden Pionierhäusern; es handelte sich um eine Art kursförmiger Neigungsgruppen-Unterricht in Kombination mit Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfestunden und war jedenfalls nach meiner Beobachtung weit weg von dem, was Jugendliche suchten. Gut, man war aufgehoben. Scharenweise waren Berater zum Aufbau der Jugendhilfe Ost unterwegs als Partnerschafts- und Patenschaftsteams – legendär wurden die mobilen Beraterteams der AGJ Baden-Württemberg, die der AGJF Sachsen auf die Sprünge halfen und an ihren Reisekoffer großen Funkgeräten zu erkennen waren, da es seinerzeit weder freie Telefonanschlüsse und noch keine Handys gab. Neben den Beratern der Jugendarbeit gab es selbstverständlich auch Beraterinnen, wobei letztere nach meiner subjektiven Erinnerung sich eher im lukrativen Bereich der Arbeitsamt finanzierten Umschulungen bewegten (dazu nach wie vor sehenswert der Dokumentarfilm „Die Bewerbung“ von Harun Farocki). Die Jugendberufshilfe, im Westen ein – bis heute – ungeliebtes Stiefkind der Sozialen Arbeit, erlebte einen historisch einzigartigen Aufschwung: Kolping, IB u.a. überzogen das gesamte Land mit Niederlassungen, errichteten teilweise sogar wirtschaftsnahe Sozialbetriebe – in zweifelhaftem Glanz erstrahlte hier Schloss Schweinsburg bei Zwickau, wobei es im Wortsinne billig ist, mit dem Finger auf „unsere“ sozialökonomische Schiffbruchprojekte zu zeigen, billig im Vergleich zum Größenwahn der fehlgeschlagenen wirtschaftspolitisch induzierten Großprojekte, zu billig auch, um in die Skandal-Berichterstattung aufgenommen zu werden, die zu einem festen Genre des Spiegel reüssierte („Milliardengrab Aufbau Ost“).

„Überholen ohne einzuholen“ war das Motto, mit dem Thomas Olk eine empirisch vorzüglich fundierte Deutung des Institutionentransfers und der Übersiedlung der Wohlfahrtsverbände vornahm. Nun gut, das bezog sich auf die Strukturen, den Um- und Aufbau der sozialen Dienste und der Jugendhilfe. Wie aber tickten die Menschen? Welche ihnen vertrauten Orientierungen boten ein „Geländer“ für die Lebensführung in der neuen Zeit?

Die DDR, ein Land der staatstragenden Jubelfeiern und der Produktivitätsverklärung bemessen nach Megatonnen und personifiziert in den Straßen der Besten – lebensweltlich abgepuffert durch die Nischensubkulturen, die sich in den Soziotopen der traditionsbewussten Eisenbahnfreunde, der ordnungsliebenden Gartenspartenbetreiber und ihren mit jedwedem greifbaren Material verbauten Datschen zeigten? Soweit die allseits bekannten Stereotype.

Die überlieferten Lebenspraxen boten zweifellos Sicherheit, aber wie lange und wie weit sie in die neue Zeit trugen, war doch äußerst fraglich. Die „Geländer“ zeigten deutliche Risse und die ersten, die das bemerkten, waren die Jungen, die den aus Lebenserfahrung gespeisten Ratschlägen ihrer Elterngeneration misstrauisch gegenüber standen – ein Befund der von Lothar Böhnisch geleiteten Studie zur Landjugend im West-Ost-Vergleich. Da man wenig belastbares Wissen verfügbar hatte, insbesondere das Leben der Menschen im ländlichen Raum und in den „abgehängten“ Regionen im Dunkeln lag und allenfalls durch ein paar Skandalgeschichten beleuchtet wurde, musste man also ausreiten in die Prärie, um sich selbst ein Bild zu machen. Und so geschah es.

Regionale Vernetzung

Kaum ein Vereinsjubiläum verging, ohne dass „der Professor aus Dresden“ eine Festrede halten durfte und auch „musste“. Wie aber kam es dazu? Woher rührte Lothar Böhnischs Ruf bzw. Bekanntheit, die ihm solcherart Ehren eintrug?

Der erste Ausritt erfolgte im Kontext der wissenschaftlichen Begleitung des AgAG-Programms, das von der damaligen Jugendministerin Angela Merkel nach den Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock mit der Intention der Befriedung aufgelegt wurde. Neben einem durchaus produktiven Streit um akzeptierende Jugendarbeit mit rechtsorientierten Jugendcliquen auf wissenschaftlicher Ebene diente das Programm in der Praxis zur Stabilisierung der Projektstandorte als sozialpädagogische Infrastruktur von Zittau bis Rügen und – vielleicht noch bedeutsamer – der Einbindung der Akteure in ein wissenschaftlich inspiriertes Reflexionsmilieu, das von Lothar Böhnisch aufgerichtet und durch vielerlei Methoden auf Nachhaltigkeit gestellt wurde. Eine ganz praktische Methode waren die einnehmenden Auftritte in der Prärie zu ganz unterschiedlichen Anlässen, angefangen von Fortbildungsseminaren mit regionalen Fachkräften aller Couleur, den struktursichernden Verhandlungen mit Landräten und Dezernenten bis hin zur Einladung der Fachkräfte zu Vorträgen in Lehrveranstaltungen oder deren Aufnahme in das berufsbegleitende Studium, das als fundierte Nachqualifizierung und dezidierte Alternative zu den inflationären Zertifikatskursen über 5 Jahrgänge erfolgte. So erfuhren wir z.B., dass in Magdeburg die street ball challenge im Winter in die Sporthallen verlegt wurde, die dazu samstags nachts open door hatten, was nicht allein mit dem Hausmeister erhebliche Konflikte durchzustehen bedeutete.

Ein „optimistisches Regionalklima schüren“ in Regionen, die durch massive Abwanderung und Perspektivlosigkeit teilweise in einer Vorform von Totenstarre verharrt schienen, war nicht leicht. Was man vorfand, waren Zurückgebliebene, die sich oftmals selbst auch so fühlten. Die Erwachsenen muddelten sich von ABM zu ABM und die Jugend kompensierte ihr Abgehängt-sein in einem trotzigen Heimatstolz, der von anachronistisch anmutenden Lebensentwürfen gewürzt mit rigiden Geschlechtsrollenzuschreibungen durchzogen war und von interessierten Propagandisten – bis heute – leicht aufzunehmen und rechtsextremistisch zu überformen war. Wie konnte man hier „funktionale Äquivalente“ aufzeigen, die einen Regionalstolz ohne ausgrenzende Wagenburg-Mentalität ermöglichte? Wobei in der Wagenburg auch viel Überdruss und Langeweile herrschte, so dass jeder action event schon allein deshalb attraktiv war, weil er Abwechslung zur Eintönigkeit bot. War es überhaupt zulässig, in Kategorien von Stolz zu operieren, konnte ein Landromantizismus und Regionalpatriotismus akzeptiert und zugleich produktiv transformiert werden? Eines jedenfalls war wenig instruktiv unter Gesichtspunkten einer handlungsorientierten Sozialpädagogik: die funktionalistische Ableitungserkenntnis, dass es sich hier um ein ‚Soziotop der Exkludierten‘ handle, in welchem die Soziale Arbeit gleichsam die Rolle des Zoowärters einnehmen könne, mit etwas Erlebnispädagogik und Beschäftigungstherapie garniert.

„… es kommt auf lokale Persönlichkeiten an, wie Entwicklungen interpretiert und traditionelle soziale Kontrollformen aufgebrochen werden.“ Diese einflussstarken Personen aufzuspüren und mit ihnen „ins Geschäft“ zu kommen, erfordert große diplomatische Kunst, die Lothar Böhnisch bei seinen Stippvisiten beherrschte. Unvergesslich ist der Besuch in der sorbischen Prärie, wo wir wie Staatsgäste empfangen wurden. Vom Bahnhof mit dem Wartburg abgeholt, begann die Reise mit einer Rundfahrt durch den Braunkohletagebau; wer einmal solch ein Restloch zu sehen bekam, wird dessen ungeheure Dimension immer vor Augen haben, wenn von Ideen zur Renaturierung und nachhaltigen wirtschaftlichen Nutzung (Karl-May-Land) oder ganz aktuell vom Häuser und Menschen verschlingenden Erdrutsch berichtet wird. Danach stand die Besichtigung der Sozialprojekte auf dem Programm: irritierend war das nunmehr völlig überdimensionierte Kulturhaus der Braunkohlearbeiter im 150-Seelen-Dorf Laubusch, in dessen Eingangsbereich neben dem Jugendclub eine Spielhalle logierte; eindrücklich wiederum die aufs Land ausgelagerte Schreibstube, in der Frauen Diktate von Dresdner Regierungsbehörden verschriftlichten, die aus Gründen der Geheimhaltung per regierungsamtlichem Kurierdienst angeliefert und abgeholt wurden. Ermüdet wurde man zum Nachtlager chauffiert, wozu im Kloster Betten hergerichtet waren. Zuvor stand allerdings der Empfang beim sorbischen Pfarrer an, der trotz vorangeschrittener Dämmerung eine exklusive kunst- und architekturhistorische Klosterführung für die beiden Zu-spät-Ankömmlinge aufbot und – weil Gott nicht will, dass der Gast hungrig zu Bett geht – gegen 22 Uhr den Dorfwirt an seinem Ruhetag aus dem Schlaf läutete, um ein Vesper herrichten zu lassen.

Good practice – bottom up

Lange bevor diese Begriffe zum Standardvokabular der EU-Programme oder des new public management zählten, galt es als Grundprinzip, bei Erkundungen in der Prärie offenen Herzens hinzureiten. Sicher, die Reise vollzog sich nicht theorielos – und wenn doch, so half die grounded theory, im Nachgang das Vorhaben auszuwerten und auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen.

Nimmt man die letzten Sätze des angeführten Textauszugs aus der Sozialpolitik, so findet sich hier gleichsam in kompakter Sprache das Handlungsprogramm zur Erforschung, Begleitung und Entwicklung des ländlichen Raums – oder sagen wir bescheidener: der Entwicklung von Initialprojekten. Als Quintessenz der systematischen Überlegungen zur Region als Strukturprinzip und Regionalität als Entwicklungsprinzip ist die Sozialpolitik und sind mit ihr die Akteure der Sozialen Arbeit aufgefordert, ein „optimistisches Regionalklima [zu] schüren und Ideen und Initiativen für regionale Beschäftigungs-, Ausbildungs-, Produktions- und Distributionsmodelle [zu] transportieren“.

Im Kern geht es darum, Spielräume für soziale Initiativen auszuloten, die regional passfähig und auch praktisch umsetzbar waren. Spielräume verweist auf die Erfahrungsspielräume im Lebenslagenkonzept: Spielräume müssen sozialpolitisch geöffnet, von den Menschen in der Region besetzt werden und für sie von Nutzen sein, indem sie ihre Ressourcen zur Lebensgestaltung erweitern. Aus den Sozialisationstheorien lassen sich durchaus fundierte Annahmen über die Verhaltensweisen und die Weltdeutung der Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen generieren, dennoch bieten her- bzw. abgeleitete Konzepte wenig Gewähr für Praktikabilität und letztlich Erfolg. Insofern ist die Methode, gute oder gelingende Praxis aufzuspüren insbesondere dort, wo man wenig konkret über die Menschen weiß, recht zielführend. Weshalb sollen Praxisprojekte, die existieren und in vieler Hinsicht auch funktionieren, schlecht sein, nur weil sie (noch) nicht theoretisch-fachlich fundamentiert sind? Also gilt es für den Reiter, Ausschau zu halten danach, wo Modelle sich aus dem Erfahrungszusammenhang der Praxis heraus abzeichnen. Als Systematisierungsmethode hat Lothar Böhnisch dazu das Prinzip der „kommunikativen Evaluation“ eingeführt: Im Gespräch in guter Atmosphäre, wohl aber am Handlungsdruck fernen und Reflexion fördernden Ort der Universität, konnten die „agents“ der Praxis ihre Absichten, ihre Strategien und Vorgehensweisen freilegen und so schälte sich über die Interviewrunden hinweg ein Szenario guter Praxis sowie Kriterien dafür heraus, indem gleichsam das empathische und Praxis erprobte Erfahrungswissen der Akteure „bottom up“ eruiert und im Nachgang systematisch und theorieorientiert bzw. weniger hochtrabend thesengenerierend verdichtet wurde.

Bottom up galt auch für die Einbindung der Studierenden in Begleitforschungsprojekte. Das Instrument der Lehr-Praxisforschung wurde eingeführt und das obligatorische Halbjahrespraktikum konnte mit formlosem Antrag alternativ als – dann allerdings ganzjähriges – Projektpraktikum im Rahmen eines der laufenden Forschungsprojekte absolviert werden, so dass einzelne Studierendengruppen über längere Perioden am Geschehen beteiligt waren und darüber hinaus oftmals auch ihre Diplomarbeit im Themenfeld anlegten. Dieser Alternativ-Modus wurde vom Studiendekan Böhnisch ohne großartige bürokratische Prozedur festgelegt – vor Bologna, wobei ich fest überzeugt bin, dass er es mit Bologna genauso handhaben würde. Wie heißt es doch in der Sozialpolitik: es kommt auf lokale Persönlichkeiten an, wie Entwicklungen interpretiert und traditionelle soziale Kontrollformen aufgebrochen werden. Das gilt auch am locus Universität.

Das Sozialklima galt es nicht nur in den Regionen „optimistisch“ zu schüren, es herrschte am Institut für Sozialpädagogik selbst eine Aufbruchstimmung. Freilich, es war eine Periode des Wachstums, mit den drei Lehrstühlen galt Dresden als best ausgebauter Standort in Ostdeutschland. Zum Gründungslehrstuhl und ebenso zu Frank Nestmann, Christian Niemeyer und Christian von Wolffersdorff kamen neben den Strukturstellen beständig neue Projektmitarbeiter/innen, auslaufende Zeitverträge konnten durch umsichtige Akquise neuer Vorhaben oftmals verlängert werden. Das Institut wuchs und überflügelte hinsichtlich der Stellen und Drittmittel die anderen Sektionen der Fakultät, was vor allem der Allgemeinen Pädagogik ein hohes Engagement im Feld des impression management abverlangte, um ihren Nimbus als erziehungswissenschaftliche Königsdisziplin zu halten.

Jede/r vom Mittelbau hatte sein Fachgebiet und wurde ermutigt, sich weiterzuentwickeln, wobei Lothar Böhnisch unterstützte, aber im Kern doch auf Selbständigkeit setzte. Weder hinsichtlich des Status’ noch der „Aktivierung“ waren Rang- und Verpflichtungsdivergenzen zwischen strukturell Lehrstuhlzugehörigen und Projektmitarbeiter/innen erkennbar: Jede/r war zugleich in die Lehre eingebunden und konnte so sein Erfahrungsspektrum erweitern. Dasselbe Prinzip galt – soweit mir dies einsichtig war – auch für viele der externen Doktoranden, was in summa zu einem recht vielseitigen und anspruchsvollen Lehrangebot führte. Später soll das anders geworden sein und einige Projektmitarbeiter wollen auf ihren Status ohne Lehrverpflichtung gepocht haben.

Zum Schluss ein persönlich Wort: Heute zehre ich von der Lehrerfahrung, die ich in gemeinsamen Seminaren mit meinem „Chef“ gewinnen konnte, wobei ich menschlich wohl am meisten davon profitiere, dass er sich uns gegenüber zu keiner Zeit als Chef inszenierte, wenngleich er nach außen voll hinter seinem Team stand und uns die Zuversicht gab, dass wir uns auf seinen Rückhalt verlassen konnten, was einem auch immer die Sicherheit gab, draußen in der Prärie aufzutreten – sei es in meinem Fall bei der Jugendhilfeplanung für Landkreise, bei Organisationsberatungen oder auch bei Vorträgen und Fortbildungen für die Jugendberufshilfeszene. Texte diktieren und Vorträge halten in freier Rede hat er mir nur vorgeführt, aber nicht beigebracht, was ich ihm nachsehe. In seinem einzigartigen Charisma muss ihn wohl auch die Prärie wahrgenommen haben, sonst hätte sie ihn nicht so oft gerufen. Da er „nur“ von seiner Lehrverpflichtung retiriert, werden die „social agents“ der Prärie ihn noch lange rufen – und wenn er dereinst diesen Rufen nicht mehr folgen will, werden die Wölfe zu einem großen Geheul ansetzen, bis dahin wird aber noch viel Wasser elbabwärts fließen.

Helmut Arnold, inzwischen in der Kärntner Prärie unterwegs



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