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Pädagogik des Jugendalters


Stephan StingJugend zwischen Schutzraum und pädagogischer Unterstützung im Modernisierungsprozess

Ein Betrag von Stephan Sting

In seinen Arbeiten macht Lothar Böhnisch deutlich, dass er mit einem Bild von Jugend und jugendlicher Eigenständigkeit sympathisiert, das gegen die Disziplinar- und Kontrollbestrebungen der bürgerlichen Familie, der Schule und des Staates gerichtet ist und das Jugend mit gesellschaftlicher Dynamik und Erneuerung verknüpft.

„Nach dem ersten Weltkrieg erhielt die Jugendfrage eine ganz andere Dimension. Denn die kulturelle und soziale Modernisierung wurde in der Weimarer Gesellschaft vor allem von der Jugend getragen: Die Jugend lernte die neuen Berufe; sie strömte in das nach der Weimarer Verfassung offene Bildungs- und Ausbildungssystem und wuchs in einen neuen Rhythmus von Ausbildung, Arbeit und Freizeit hinein. Das äußerte sich unübersehbar und massenhaft in bislang nicht gekannten öffentlichen Verhaltens- und Konsumstilen. … Die allgemeine Bildungs- und Berufsorientierung löste die Jugend aus ihren mittelschichtigen und proletarischen Herkunftsmilieus. Der Berufsstolz ging vor dem proletarischen Klassenstolz (vgl. Lazarsfeld 1931), Freizeit und Konsumorientierung vor der patriarchalischen Sittenautorität der bürgerlichen Mittelschichtfamilie. Diese Jugend fühlte sich nicht so sehr über jugendgemäße Ideale – so wie zu Zeiten der Jugendbewegung – selbständig, sondern über eigenes Einkommen und eigene Verhaltens- und Konsumspielräume in der Gesellschaft. Sie wandte sich nicht innerlich ab von der Moderne; im Gegenteil: Sie ging in ihr auf, nutzte sie, verstand sich auf sie“ (Böhnisch 1997, S. 85).

Jugend wird aus dem Sorge- und Gefährdungsdiskurs befreit, der zwar einerseits Grundlage für die Etablierung des Schutz- und Schonraums des Jugendmoratoriums darstellt, der aber andererseits zur pädagogischen Bevormundung und Weltferne des Jugendlebens beiträgt. Demgegenüber ist die „freigesetzte Jugend“ Wirkungsfaktor in Modernisierungsprozessen und hat teil an alltäglichen Lebenswelten, die mit ihren Widersprüchen und Anforderungen bewältigt werden müssen. Jugend jenseits des Schonraums ist allerdings immer noch „Jugend“: Sie befindet sich in Entwicklung, ist sensibel für Einflüsse von außen und auf der Suche nach Orientierungen.

„Als Träger des Modernisierungsprozesses nicht nur zur neuen Jugendkultur, sondern auch zum modernen Erwachsensein gedrängt, hatten die Jugendlichen kein Bild vom modernen Erwachsenen, an dem sie sich reiben, mit dem sie sich auseinandersetzen konnten“ (Böhnisch 1997, S. 86).

Jenseits ordnungsstaatlicher Kontroll- und Disziplinierungspolitik enthält Jugend einen „pädagogischen Aufforderungscharakter“, dessen Einlösung durch die Dynamik gesellschaftlicher Modernisierung zunehmend fraglich wird.

„Das Pädagogische bezieht sich dabei nicht nur darauf, dass Jugendliche Orientierungsmuster und Räume brauchen, um Bewältigungskompetenzen selbst zu entwickeln und sozial zu lernen. Es ergibt sich auch aus der Perspektive des Erwachsenwerdens, denn diese ist, trotz aller jugendkulturellen Eigenständigkeit in die Jugendphase eingelassen und strukturiert einen ‚Pädagogischen Bezug’ (Nohl 1934…)“ (S. 133).

Jugendkultur als Generationengefühl und Lebensbewältigung

Jugendliche konzentrieren sich aufgrund ihrer gesellschaftlichen Situation als Sozialgruppe auf sich selbst: Sie beziehen sich auf Gleichaltrige und bringen eine eigenständige Jugendkultur hervor, die im Anschluss an Mannheim als Ausdruck eines klassen- und schichtübergreifenden, gemeinsamen Generationengefühls betrachtet werden kann. Die Abwendung von Überliefertem und Traditionen zugunsten der Orientierung am jeweils Neuen und der Gegenwart ist der Jugendkultur strukturell eingeschrieben.

„Die Jugend orientiert sich aus ihrem besonderen Generationendruck heraus an der jeweiligen Struktur der Gegenwart; und zwar nicht an der Gegenwart als dem Gewordenen, sondern an der Unmittelbarkeit, ohne Rücksicht auf – und Einordnung in – das Vergangene. Sie huldigt dem Phänomen der aktuellen Vergegenständlichung und nicht dessen Bestimmungsgründen. Es ist die jeweils neue Erscheinungsform der gesellschaftlichen Entwicklung, auf welche die Jugend verstärkend oder sich widersetzend reagiert. Die Jugend aber – so heißt es in der Generationentheorie K. Mannheims weiter (1952) – ist ihrer Natur nach weder fortschrittlich noch konservativ, doch zufolge der in ihr schlummernden Kräfte zu allem Neuen bereit“ (Böhnisch 1997, S. 87).

Lothar Böhnisch ist sich dessen bewusst, dass das Setzen auf die Jugend als Modernisierungsfaktor und Lösung von gesellschaftlichen Widersprüchen und Orientierungsproblemen bei gleichzeitiger paternalistischer Kontrolle von Abweichungen und Gefährdungen von Anfang an problematisch ist. Der einzelne Jugendliche mit seiner Bedürftigkeit und seinen Ansprüchen an Lebensgestaltung wird von den gesellschaftlichen Erwartungen, die das moderne Jugendbild transportiert, strukturell überfordert. Seine oft eng beschränkten biographischen Möglichkeiten stehen einer Gesellschaft gegenüber, in der Jugend nach zunächst übersteigerten Hoffnungen und Erwartungen zunehmend marginalisiert und bedeutungslos wird. In dieser Konstellation wendet sich Böhnisch dem individuellen Jugendlichen in seiner biographischen Bewältigungssituation zu, für dessen konkrete Problemlagen (z.B. in seinem Mann- oder Frausein, Privilegiert- oder Benachteiligtsein) er gegen Stereotypisierungen, Etikettierungen und stellvertretende Problemprojektionen pädagogische Aufmerksamkeit einfordert.

„’Jugend ist Zukunft’ stand lange Zeit für einen selbstverständlichen und unumstößlichen Bedeutungszusammenhang in der Moderne. In der Krise der Moderne zu Ausgang des 20. Jahrhunderts ist nun die Jugend doppelt in die Zange geraten. Zum einen von der Seite der Modernisierungskritik, welche den Wachstumsfetisch anprangert, den Glauben also, dass das jeweils Neue auch das Bessere und das Alte damit entwertet sei. Die Jugend galt und gilt ja als das Symbol des Neuen und der Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Alten.
Der zweite Angriff auf die Jugend kommt aber aus diesem Modernisierungsprozess selbst. Je mehr das Humankapital in der industriellen Fertigung ersetzt, obsolet wird, desto weniger ist die Jugend als Bildungs- und Ausbildungsphase industriegesellschaftlich wert. … Nun verliert dieses Humankapital als massenhafte industrielle Größe an Bedeutung, bleibt aber biografisch wichtig: Jugendliche müssen individuell – für sich – schauen, dass sie gut ausgebildet sind. Das garantiert ihnen zwar beileibe keinen entsprechenden Arbeitsplatz, schützt sie aber eher vor Arbeitslosigkeit und sozialer Deklassierung.
Damit hat sich die gesellschaftlich eingerichtete Lebensphase Jugend zu Ausgang des 20. Jahrhunderts einer deutlichen Biografisierung unterworfen. Jugend als gesellschaftliche Erwartungsstruktur von Bildungs- und Integrationsanforderungen bietet keine soziale Verlässlichkeit mehr, muss von den einzelnen Jugendlichen mit biografisch je eigenen Chancen und Risiken – in unterschiedlichen ‚Jugenden’ also (Lenz 1988) – selbstthematisiert und bewältigt werden“ (Böhnisch 1997, S. 130).

Die gesellschaftliche Transformation zum „digitalen Kapitalismus“ raubt Jugendlichen nicht nur ihre historisch entstandene, gleichwohl immer schon eher fiktive als reale Anerkennung als relevante gesellschaftliche Gruppe, sondern sie wirft sie bei der Entwicklung von Lebensperspektiven auch massiv auf sich selbst zurück. Jugendkultur verliert in dem Zusammenhang ihre modernisierende Kraft; sie wird zum Ausdruck und Aktionsfeld jugendlicher Lebensbewältigung.

„Der lebensaltertypische Überschuss von Widerständigkeit und rücksichtsloser Gestaltungsphantasie der Jugend scheint abgebaut (…). Eine Jugend im diffusen Wartestand, der aber nicht mehr wie bislang als verlässliche und kalkulierbare Statuspassage angelegt, sondern für viele Jugendliche zum Syndrom geworden ist. … So machen sich Jugendliche weiter auf die Suche nach Jugend als lebbarer Gegenwart, bei der sie aber früh mit sozialen Bewältigungsproblemen konfrontiert sind, die ihre besonderen kulturellen Energien aufzusaugen scheinen“ (Böhnisch 1997, S. 130f.).

Als Aktionsfelder jugendlicher Lebensbewältigung sind Jugendkultur und Gleichaltrigenbeziehungen nach wie vor wichtig bzw. für den einzelnen Jugendlichen wichtiger denn je. Jugendliche erfahren in der Gleichaltrigenkultur „außerhalb der schulischen und betrieblichen Welt“ Eigenständigkeit. Sie versuchen in diesem Rahmen „jugendkulturelle Unbefangenheit und realistische Lebensperspektive irgendwie vereinbar zu machen“. Zugleich ist auch hier die Eigenständigkeit der Jugend nicht anders denn als Funktion ihrer gesellschaftlichen Stellung zu denken, da für den Soziologen Böhnisch Jugend als soziale Gruppe in gesellschaftliche Strategien eingebunden ist, die Ausdruck des kapitalistisch verfassten Gesellschaftssystems sind. Jugendliche Eigenständigkeit wird deshalb in einem gefördert und subvertiert durch den Status des „eigenständigen Konsumenten“:

„Andererseits ist heute offensichtlich, dass die Selbständigkeit der modernen Jugend sich maßgeblich über ihren eigenständigen Konsumstatus herstellt. Es sind auch nicht die Eltern, sondern es ist in erster Linie der Einfluss der Gleichaltrigengruppen und –szenen, welche die Konsumentscheidungen der Jugendlichen bestimmen. Und es ist die Konsumindustrie, welche die Jugendlichen – im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsbereichen – als eigenständige Konsumenten neben anderen oder sogar anderen Gruppen gegenüber bevorzugt behandelt. Insgesamt ist der kommerzielle Konsum zu einem Raum geworden, in dem Jugendliche eine Resonanz für die eigene Qualität ihrer Lebensphase suchen und subjektiv auch finden. Denn die auf Jugendliche gemünzten Konsumprodukte und kommerziellen Dienstleistungen haben einen hohen jugendkulturellen Aufforderungscharakter, beinhalten stilbildende Elemente, vermitteln aber auch Informationen und Beratung (z.B. „Jugendbanken“) und sind so zur Alltagskultur, zu einem Segment der Lebensform Jugendlicher geworden“ (Böhnisch 1997, S. 140).

Jugendpädagogik im Spannungsfeld von biographischer Entwicklung und struktureller Devianz der Jugendkultur

Die bisherigen Ausführungen zeigen, dass die Jugendphase, in der Heranwachsende ihre Position in der Gesellschaft suchen und eine Vielfalt an Entwicklungsaufgaben zu bewältigen haben, in der sie sich aufgrund der gesellschaftlichen Dynamik wenig auf Vorbilder und Überliefertes verlassen können, trotz ihres Anspruchs auf Eigenständigkeit keine autonome Phase ist. Jugend und Jugendkultur sind erstens als gesellschaftliche Figuren mit Anforderungen, Erwartungen und Bildern von Jugendlichkeit aus der Erwachsenenwelt konfrontiert, die das eigene, biographische Jungsein überschatten. Das Bedürfnis Jugendlicher nach Eigenständigkeit und nach Selbstgestaltung ihrer Lebensformen und Alltagskultur wird zweitens in konsumindustrielle Formen transformiert, kommerzialisiert und nach den Regeln der kapitalistischen Gesellschaft strukturiert. Der verbleibende Rest an Andersartigkeit und Widerspenstigkeit des Jugendalters wird schließlich drittens durch Etikettierungsprozesse als „Abweichung“ stigmatisiert und kriminalisiert.

„Die Gleichaltrigenkultur Jugendlicher ist für die Sozialpädagogik des Jugendalters als Bezugspunkt gleichermaßen zentral wie ambivalent. Im Mittelpunkt der Jugendarbeit steht die sozialräumliche Ermöglichung von Gleichaltrigenkultur, gleichzeitig entwickelt sich manches an Risikoverhalten und Jugendkriminalität in der Anregungs- und Abhängigkeitsszenerie der Clique. Überdies verkörpert die Gleichaltrigengruppe den Jugendraum der Selbstsozialisation, gleichzeitig werden aber dennoch ‚andere Erwachsene’ (…) gebraucht“ (Böhnisch 1997, S. 140).

Jugendliche sind in ihrem biographischen Entwicklungsprozess von Erwachsenen und der Erwachsenengesellschaft umstellt. So wie Jugendliche strukturell rücksichtslos gegen das Alte sind, so ist die Gesellschaft zunehmend strukturell rücksichtslos gegen das Unfertige, Sich-Entwickelnde, gegen die Orientierungs- und Integrationsbedürfnisse Heranwachsender. Die Entwicklungstatsache „Jugend“ droht damit in Devianz abzugleiten und auf diese Weise kriminalisiert und ausgegrenzt zu werden. Der einzelne Jugendliche muss sich im biographischen Verlauf mit der Entwicklungstatsache „Jugend“ auseinandersetzen. Er muss diese immer komplexere Lebenskonstellation „bewältigen“ und bedarf dazu „anderer Erwachsener“.

„Auch durch die sozialräumliche Ausrichtung der Jugendkultur und ihre entwicklungs¬bedingte Normdiffusion ist das Jugendalter differentiellen und subkulturellen Einflüssen sowie ihren devianzfördernden Wirkungen stärker ausgesetzt als andere Lebensalter. Die Jugendzeit ist eine Phase der Erprobung und des Austestens von normativen Regeln und Grenzen, so dass die Grenzen zwischen Jugendkultur und Devianz oft fließend sind und es letztlich darauf ankommt, wie die öffentlichen und institutionellen Reaktionen auf dieses Verhalten ausfallen, bzw. welche Kompetenzen die Jugendlichen entwickeln können, sich aus solchen Definitionszonen herauszuhalten. Denn die Jugendphase fordert in ihrer Sozialräumlichkeit, aber auch aufgrund ihrer selbstverständlichen Einbindung in Kontrollagenturen (z.B. die Schule) gerade dazu auf, Definitionen Abweichenden Verhaltens über die jugendkulturelle Vielfalt und Unübersichtlichkeit zu legen und sie damit gesellschaftlich zu ordnen. Dieses Charakteristikum gesellschaft¬licher Kontrollpolitik gegenüber der Jugend findet sich in allen Institutionen, die auf Jugendliche bezogen sind und zu denen sie sozialisatorisch in Beziehung treten, wieder. Jugendliche laufen eher als andere Altersgruppen Gefahr, in deviante bis kriminelle Karrieren hinein definiert zu werden. Deshalb ist es hier vornehmlichste Aufgabe der Pädagogik, zur Entkriminalisierung des Jugendalters beizutragen und zu verhindern, dass sich abweichende Karrieren über das Jugendalter hinaus verfestigen“ (Böhnisch 2006, S. 129).

Böhnischs Sympathie für die Jugend gilt letztlich dem einzelnen Jugendlichen, der biographisch den Widersprüchen und Ambivalenzen des gegenwärtigen Jugendstatus ausgesetzt ist. Die pädagogische Unterstützung bei der Bewältigung von Jugend besteht im Engagement für ein Verständnis der Jugendphase aus der Sicht der Jugendlichen, im Insistieren auf der Akteursperspektive von Jugendlichen gegen den Druck gesellschaftlicher Erwartungen und Zuschreibungen und im Einfordern einer unterstützenden pädagogischen Beziehung, in der bei der eigenständigen Suche nach Lebensperspektiven und Lebensformen Vertrauen und Halt gewährleistet werden.


Literatur

Böhnisch, L. (1997): Sozialpädagogik der Lebensalter. Weinheim/Münnchen.
Böhnisch, L. (2006): Abweichendes Verhalten. Weinheim/München.


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