Diese Homepage ist Lothar Böhnisch gewidmet und wird laufend aktualisiert. Seine Arbeitsfelder werden von befreundeten Kollegen und Kolleginnen vorgestellt.

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Übergänge und Europa



Barbara StauberEin Beitrag von Barbara Stauber

Lothar Böhnisch und Europa – wo könnte diese Geschichte anfangen? Sie fängt sicherlich früher an als bei vielen anderen Vertreter_innen der Sozialpädagogik. Lothar Böhnisch hat sich mit Europäischen Diskursen auseinandergesetzt, sobald diese in sozialpolitischer Hinsicht relevant wurden für Jugend und die Übergänge ins Erwachsensein, und das begann mit den Erklärungen verschiedener jugendrelevanter Grün- und Weißbücher in den 90-er Jahren, aber auch mit den Chancen und Möglichkeiten einer europäischen Jugendforschung. Lothar Böhnisch war einer derjenigen, der sich aktiv am Aufbau des Europäischen Forschungsnetzwerks EGRIS – European Group for Integrated Social Research – beteiligt hatte, er war einer der Personen, die dieses Netzwerk angeschoben und begründet haben, und er hat in dessen vielfältigen Forschungsprojekten zu jugendlichen Übergängen im Europäischen Vergleich mitgearbeitet.
Los ging es eigentlich mit einer Fischsuppe. Und mit Caravagggio. Beide gab es in Lothar’s Wohnzimmer in Hechingen, einem netten süddeutschen Kleinstädtchen, in dem sich Vertreter_innen aus Bologna, Lissabon, München, Valencia und Tübingen zu einem der konstituierenden Treffen für EGRIS einfanden, um Grundausrichtungen des Netzwerks zu diskutieren.
Die Fischsuppe steht hier symbolisch für ein sinnenfrohes und kulinarischen Genüssen nicht abgeneigtes Netzwerk, das auch in seiner weiteren Entwicklung in den nachfolgenden Jahren durchaus großen Wert auf Geselligkeit legte. Der betörende Duft der Fischsuppe aus Lothars Küche hat für das Forschungsnetzwerk EGRIS als sozialem Netzwerk ein gutes Klima geschaffen. Lothars Gänge in die Küche und wieder zurück ins Wohnzimmer, wo die Gruppe sich heiß redete, sie hatten nichts Hektisches, nichts Aufgeregtes, auch nichts Unkonzentriertes, sie waren eher ein kreatives Wandeln zwischen dem Herd und dem Arbeitstisch im Wohnzimmer. Dies vermittelte das Gefühl: Kulinarisches und Wissenschaftliches liegen so weit nicht auseinander, und der Wechsel vom einen zum anderen kann sehr inspirierend sein. Und stellte klar: es gibt neben der wissenschaftlichen Arbeit auch noch anderes, und wenn ein gutes Essen fertig ist, kann die Arbeit auch mal ruhen. Fischsuppen wurden danach noch einige gekocht, eine Zeitlang gab es eine Art Wettbewerb, es gab eine Fischsuppe in Leiden, es gab Fischsuppe in diversen Restaurants unserer Meetings. Doch Lothars war die beste.
Caravaggio war bei diesem Auftakttreffen auch im Raum – und am Beispiel seiner Malerei mit ihrem extremen Gegensatz von Licht und Schatten ein erkenntnistheoretisches Grundproblem: dass wir, sobald wir eine Gruppe, eine Thematik fokussieren und beleuchten, quasi anderes automatisch in den Schatten rücken. Und dass wir uns dieses Wechselspiels bewusst bleiben müssen, um nicht den eigenen Konstruktionen von Fokussiertem auf den Leim gehen. Unser Lisabonner Kollege José Machado Pais hat Caravaggio’s Malerei eingebracht, er selbst ein Meister des Metaphorischen, nirgendwo lernt man so leicht hochkomplexe theoretische Zusammenhänge wie in seiner Umgebung.
EGRIS hat nach diesem – und einigen weiteren Gründungstreffen – durchaus erfolgreich Europäische Forschungsprojekte beantragt und durchgeführt. Lothar’s konsequent wohlfahrtspolitische Perspektive fand überall ihren Eingang. Genau am Platz war sie bei “Misleading Trajectories” – einer sekundäranalytischen Evaluation von Beschäftigungspolitiken für Junge Erwachsene in Europa, die vor allem im Hinblick auf nicht-intendierte Ausgrenzungseffekte untersucht wurden. Ebenso am Platze war sie bei den Nachfolgeprojekten “FATE – Families and transitions” – einem hochspannenden Projekt, das die Auswirkungen der verlängerten Übergänge junger Frauen und Männer auf die Generationenbeziehungen in ihren Herkunftsfamilien zum Thema hatte, und “YOYO – Youth Policy and Participation”, bei dem es um die motivierenden Effekte von partizipativ angelegten Maßnahmen der Jugendsozialarbeit ging. In diesen beiden Projekten bekam das Netzwerk endlich die Chance, und dies gleich in zwei inhaltlich benachbarten Schwerpunkten, eigenes empirisches Material zu erheben. Gemeinsam mit Simone Menz und Holger Kehler sorgt Lothar dafür, dass die ostdeutsche Perspektive ihren Platz bekam.
Wichtig waren hier freilich auch die genderpolitischen Fragestellungen, die nicht nur von Lothar, von ihm aber konsequent aus der Perspektive der Jungen- und Männerforschung, eingebracht wurden. Dies noch mehr im Rahmen der letzten Zusammenarbeit – UP2YOUTH – Youth as Actor of Social change”, im Kontext der thematischen Gruppe zu Übergängen in die Elternschaft. Die Zerr-Bilder von Väterlichkeit, die Zumutungen an junge Männer, und die unsichtbar bleibenden Leistungen der Väter waren im Fokus seines Interesses; die Diskussionen waren fruchtbar – auch und gerade in der Emotionalität, in der manche Auseinandersetzung geführt wurde.

Als einer, der die Anwendungsseite immer im Blick hat, hat Lothar vor 15 Jahren aber auch versucht, zur europäischen Jugendforschung ein jugendpolitisches Pendant zu entwickeln. Leider blieb das Projekt „Stiftung Kindheit und Jugend in Europa“ ein vergessenes Kind, wie Gebhard Stein es nennt. Doch das Transkript eines Gesprächs zum „Sinn“ des Vorhabens einer solchen Stiftung, das mit Gebhard Stein dankenswerterweise hat zukommen lassen, ist ein wertvolles Dokument, anhand dessen einige zentrale Aspekte im Denken von Lothar deutlich werden:

Eine solche „Stiftung Kindheit und Jugend in Europa“ sollte getragen werden von der Grundidee, „dass in Europa [gemeint ist der europäische Diskurs] Jugend eigentlich nur als Problemgruppe gehandelt wird, (….) Über diese Diskussion hinaus weiß man eigentlich nicht mehr so richtig, was Jugendliche in den europäischen Regionen eigentlich wirklich machen, (…), was sie drauf haben, welche Phantasien sie entwickeln (…).
…. eine solche Stiftung hat einen Sinn, wenn sie durch ihre Aktivität dazu beiträgt, ein Klima dafür zu schaffen, Ermunterung dafür zu schaffen, Anregungen dafür zu schaffen, dass in europäischen Regionen Jugendliche sich darstellen können, zeigen können, was sie machen, was sie für Ideen haben, im kulturellen Bereich, im Beschäftigungsbereich, im interkulturellen Bereich, und dass man diese Ideen in einer Art Wettbewerb oder Vergleich zusammenführt und von da aus dann auch Foren schafft, wo man das dann diskutiert und weitertreibt.“
Ein Strauss von Ideen, an denen viele aus Lothars Umfeld weitergestrickt haben. Ich ziehe einige davon ans Licht:

Da ist zunächst die Kritik an einem einseitigen Problemdiskurs, der Zerrbilder von Jugend zeichnet, und sie in ihren Kompetenzen nicht wirklich wahrnehmen kann. Demgegenüber ist es wichtig,

Ein Klima zu schaffen, ein regionales Klima des Sichtbarwerdens und der Anerkennung – ein Gedanke, der von vielen, die in der modernen Landjugendforschung im Kontext des Projekts von Lothar Böhnisch und Heide Funk arbeiteten, aufgegriffen wurde. Gemeint ist er als hochpolitischer Gedanke, der aufgreift, was sozialräumliche Ansätze in der Sozialen Arbeit intendieren: dass in den konkreten sozialräumlichen Bezugssystemen viele potentiell hochrelevante Ideen entstehen, Ideen unterschiedlichster sozialer Akteure, die für ein solches regionales Klima verantwortlich sind. Nicht zuletzt ist es das sozialpolitische Mandat der Sozialen Arbeit, dieses Klima wahrzunehmen und/oder herzustellen. Zum Beispiel, indem

Anregungen geschaffen werden: die Idee der Anregungsmilieus, selbst hochgradig anregend, bewusst offen, vielfältig anschlussfähig, für die Forschung wie auch für die Praxis.

Die sozialräumliche Bezugsgröße sind dabei immer (europäische) Regionen: eine Erkenntnis der Landjugendforschung, wie sie von Lothar Böhnisch und Heide Funk in die sozialpädagogische Diskussion transportiert wurde: die Region als (spät-)moderne sozialräumliche Bezugsgröße für all diejenigen Jugendlichen, die nicht gerade im urbanen Raum leben und sich auf ihren Kiez beziehen können. Ländliche/kleinstädtische Jugend ist hochmobil, hat große Radien, knüpft regionale Netze, und versucht gleichzeitig, das beste aus den lokalen Gelegenheitsstrukturen zu machen. Ländliche Jugend ist regionale Jugend.

Jugendliche sollen sich darstellen können: die Idee der Selbstinszenierungen, die Erkenntnis, die u.a. in der Jugendarbeitsforschung unter der Perspektive einer Theatralität oder Performativität des Sozialen Früchte trägt: dass Jugendliche gerade auf dieser Ebene vielfältige Kompetenzen haben, aber einen Raum brauchen, um diese zeigen zu können.

Das betrifft vor allem den (jugend-)kulturellen Bereich – und hier hatte Lothar mit Ekkehard Liebau vieles zusammen entwickelt, wiederum: theoretisch wie in regionaler Praxis.

Das betrifft den Beschäftigungsbereich: Arbeit und Beruflichkeit als zentrale Lebenswelten, in denen Jugendliche Bewältigungskompetenzen entwickeln müssen

Das betrifft den interkulturellen Bereich: spät-moderne Jugend ist globalisierte Jugend, und sie hat auch im Hinblick auf Interkulturalität oft mehr alltägliche Kompetenz, als ihr zugestanden wird…

In einer Art Wettbewerb oder Vergleich sollen diese Ideen zusammenführt werden: hier klingt die Strategie der best practices an, die sich miteinander messen lassen. Die Vergleichsperspektive verfolgt den Gedanken, dass Unterschiede in diesen Lösungen und Praktiken, die in europäischen Regionen entwickelt werden, ein willkommender Anlass sind, sich genauer mit den Bedingungen und Entstehungskontexten für solche Unterschiede auseinander zu setzen - dies

Nicht nur für sich, sondern in Foren, die diese ganzen lebensweltlichen Praktiken weitertransportieren, ihnen Gewicht geben.

Die Idee also, ein Forschungsnetzwerk zu verbinden mit einer Stiftung „Kindheit und Jugend“ in Europa, die diese vergleichende Regionalperspektive hat und will nicht über Jugend reden, sondern da geht es darum, die Jugendlichen selbst zu zeigen, sie ans Licht zu bringen, denen eine Öffentlichkeit zu schaffen (…) Also nicht eine Stiftung, die nur eine Plattform schafft für Leute, die drüber reden – das sicher auch -, sondern für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen selber, und solche Plattformen gibt es kaum.“

Hieraus spricht die Erkenntnis, dass Jugendliche und junge Erwachsene zwar für sich alle möglichen Öffentlichkeiten schaffen, dass sie aber zusätzlich auf Strukturen angewiesen sind, anhand derer sie in andere Öffentlichkeiten kommen.

„Die beiden Aufgaben sind also: Etwas freizusetzen und dann, wenn etwas entsteht, dies in den Diskurs zu bringen“

Der Freisetzungsbegriff begegnet hier in seiner positiven Variante - Energien, Ideen, etc. freizusetzen, einen Raum zu schaffen, in dem sich Jugendliche regional artikulieren, verbunden mit der Verantwortung dafür, diese in andere Diskurswelten weiter zu vermitteln. Hier wird (Jugend-)Forschung Sprachrohr, Vermittlerin und Diskursmitgestalterin. Ausgangspunkt ist dabei immer, den Raum zu schaffen, in dem Jugendliche sichtbar werden können. Alle möglichen Ideen werden hier ventiliert – Ideenbörsen, Märkte, Wettbewerbe – und hier sollen durchaus unterschiedliche gesellschaftliche Akteure ins Boot geholt werden, nicht zuletzt auch die Akteure des Marktes, Firmen und das Bankgewerbe.

Das Wissen, die Kompetenzen, die Schätze zu heben, das ist die Leitidee. Dies ist nicht mit einer kruden Humanressourcen-Logik zu verwechseln. Daher ist ein weiterer Gedanke von zentraler Bedeutung:

„Die Leute sollen nicht erst eine Energie entfalten müssen, um etwas Neues zu erfinden, sondern mit dem, was sie haben, zum Zuge kommen können. Das ist ja auch so ein Problem: es wird eigentlich nie die vorhandene Aktivität gewürdigt, sondern es wird immer etwas vorgegeben, in das man die vorhandene Aktivität hineinbringen muss. Das erlebt Ihr ja auch immer wieder: Kein Mensch fragt Euch, was Ihr tut, sondern ob Ihr für das, was gefordert wird, etwas beitragen könnt. Da geht dann aber nie das Ganze, sondern meist nur ein Segment ein, und dadurch geht häufig ein Teil der Praxis wieder verloren …. Das wäre so der Kontext, in dem man mal nachdenken sollte“.

In der Tat. Eine Perspektive,
hochgradig relevant für die Methodologie der Jugend- und Übergangsforschung, die demnach so offen wie möglich Erfahrungen in ihrer Gesamtheit und in ihrem Zusammenhang rekonstruieren sollte,
hochgradig relevant für eine Praxeologie der Sozialen Arbeit,
sowie im Hinblick auf die Jugendpolitik – im Sinne einer tatsächlichen und umfassenden Partizipation.


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