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Richard Krisch
Karl Lenz
Werner Schefold
Wolfgang Schröer

Sozialräumliche Jugendarbeit



Lothar Böhnisch und Richard KrischEin Beitrag von Richard Krisch

1990 erschien mit der „Pädagogik des Jugendraums“ ein Befund der Jugendarbeit, der einen völlig neu akzentuierten Blick auf die Jugendarbeit und deren Praxis eröffnete. Ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches, welches Lothar Böhnisch zusammen mit Richard Münchmeier verfasst hatte, gelang es uns im März 1991 Lothar Böhnisch nach Wien zu einer Fortbildungsveranstaltung des Vereins Wiener Jugendzentren einzuladen. Am Ende des Seminars führte ich – natürlich in einem Wiener Kaffeehaus – als Mitarbeiter eines Jugendzentrums das folgende Interview, welches dann in der Zeitschrift des Vereins abgedruckt wurde und großes Interesse hervorrief. Gleichsam als historisches Dokument, in dem sich die Stimmigkeit und Aktualität dieses Konzeptes – nahezu 20 Jahre später – in sehr verständlichen und praxisnahen Ausführungen von Lothar Böhnisch widerspiegelt, sei es hier nochmals veröffentlicht und anschließend die Bedeutung für die Praxis der Wiener Jugendarbeit kurz skizziert.

März 1991, Black Box – Zeitschrift der Wiener Jugendzentren: Zur sozialräumlichen Konzeption von Jugendarbeit, INTERVIEW mit PROF. DR. LOTHAR BÖHNISCH (Universität Tübingen) Das Interview führte Richard Krisch.

Lothar Böhnisch ist Professor für Sozialpädagogik an der Universität Tübingen und leitete in der 2. Märzwoche das Seminar "Die Pädagogik des Jugendraumes und das Konzept Jugendzentrum – der Ansatz sozialökologischer Jugendarbeit" im Rahmen der innerbetrieblichen Fortbildung 1991. In Zusammenarbeit mit Richard Münchmeier veröffentlichte er zuletzt "Wozu Jugendarbeit?: Orientierungen für Ausbildung, Fortbildung und Praxis" (1989 schon in der 2. Auflage erschienen) und "Pädagogik des Jugendraums: Zur Begründung und Praxis einer sozialräumlichen Jugendpädagogik" (1990).
Beide Publikationen, die inhaltlich in einem engen Zusammenhang stehen müssen als Diskussionsgrundlage, sowohl für eine Neuvermessung von Jugendarbeit, als auch für die be-rufliche Standortbestimmung von JugendarbeiterInnen verstanden werden.

FRAGE: Das Thema des Seminars, aber auch die inhaltliche Ausrichtung des Buches "Pädagogik des Jugendraumes" stehen im Zeichen der Entwicklung eines Konzeptes sozialräumlicher Jugendarbeit. Dieses fußt darauf, dass Kinder und Jugendliche ihre Lebens-bewältigung in Räumen verorten bzw. sich über Räume Erfahrungen und Identität aneignen. Könntest Du den Rahmen dieses Verständigungsmusters 'sozialräumlicher' Jugendarbeit oder Jugendpädagogik skizzieren.

Vielleicht müßte man eingangs fragen, welche pädagogischen Konzepte die traditionelle Jugendpädagogik gehabt hat. Da gibt es ja ganz verschiedene Versuche, die im Grunde immer darauf hinausliefen, dass man versucht hat Gruppen- oder Lernprozesse anzuregen, personalbezogene Beziehungsarbeit zu machen und die Einrichtung z.B. Jugendhaus oder auch Jugendverband, so zu behandeln wie eine Art Bildungseinrichtung, in der Jugendarbeiter und Jugendarbeiterinnen mit Jugendlichen etwas in Gang setzen, den Jugendlichen etwas vermitteln, ihnen helfen wollen, eine gewisse Selbstständigkeit im pädagogischen Sinne zu bekommen. Die herkömmlichen pädagogischen Konzepte halten sich sehr stark an der pädagogischen Idee als Generationenidee fest, also erwachsene Pädagogen und Pädagoginnen geben Kindern und Jugendlichen, von ihrem Erfahrungsvorsprung her, etwas weiter, sagt die klassische Pädagogik, und versuchen ihnen zu helfen sich in dieser Erwachsenenkultur Schritt für Schritt zu integrieren.
Das ist eigentlich ein Konzept, das bisher auch weiter ein Stück Sinn hat, ich denke aber, dass das sehr stark den jugendkulturellen gleichaltrigen Aspekt vernachlässigt. Jugendarbeit ist ja, so könnte man ausdrücken, der Ort wo Jugendkultur ermöglicht werden soll, mitorganisiert werden soll, wo Gelegenheiten und Möglichkeiten geschaffen werden sollen, dass Jugendkultur, Gleichaltrigenkultur stattfindet.
Die Idee der sozialräumlichen Jugendarbeit ist die der offenen Jugendarbeit und dass diese ein pädagogisches Konzept entwickeln kann, dass dieser Offenheit gerecht wird, weil es eben aus der Idee dieser Offenheit entspringt.
Ein sozialräumliches Konzept soll ein solches Leitkonzept sein und natürlich muß es für jedes pädagogisches Konzept sozusagen Wurzeln in den Bedingungen oder Verhältnissen, in der Art und Weise wie Jugendliche aufwachsen, wie sie sich entwickeln, geben.
Wenn man von Jugendlichen ausgeht, und nicht von der Frage, zu was denn Jugendliche erzogen werden sollen, sondern von deren jugend- und auch kinderkulturellen Lebensbedingungen, dann fällt einem von der Forschung, aber auch von den Erfahrungen, die Kinder- und Jugendarbeiter machen her auf, dass Kinder und Jugendliche anders als Erwachsene sich vor allem außerhalb der Schule, sehr viel an Fähigkeiten, an Wissen um die Welt um sie herum über sozialräumliche Aneignung erwerben. Diese Aneignung ist schon beim Kleinkind sichtbar: Im Mittelpunkt der Entwicklung des Kleinkindes steht ja die räumliche Erkundung, die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten, die Bewegung, das Spiel.
Später, bei den älteren Kindern oder jüngeren Jugendlichen ist es vor allem der soziale Nahraum über die Familie hinaus, indem sie die Welt erfahren und erleben. Nicht nur die materielle stoffliche Welt, also Straßen, Gebäude, Freiflächen sondern auch die Botschaften, die Mitteilungen, die in dieser Welt sind: Ob diese Welt Gewalttätigkeit ist, ob sie verregelt ist, ob sie Möglichkeiten läßt sich zu entfalten, ob sie Überraschungen birgt oder keine; das sind Botschaften die im bebauten Raum, im Sozialraum, wenn der bebaute Raum belebt ist, angelegt sind. Ich denke dass die sozialräumliche Erfahrung als Erlebnisfeld für Kinder sehr wichtig ist, um Alltag zu erfahren, um neben oder unterhalb der abstrakten Wissensvermittlung in der Schule, die sehr abgehoben ist vom Alltag, die Kunst der Lebensbewältigung Schritt für Schritt zu erlernen.
Zuletzt, für die Jugendlichen, die ja in noch größerem Maße mobil sind, die noch mehr Räume erschließen, für diese stellt das sozialräumliche Verhalten jetzt weniger sozusagen das Welterlebnis, sondern viel stärker die Möglichkeit, der Zusammenhang dar, in dem sie ihre Jugendkultur entwickeln: Eine Clique ist ja immer ein Verhältnis von Gruppe und Raum –besetzter Raum, genutzter Raum . Sozialräumlich stellen sie ihren Status dar, versuchen auf sich aufmerksam zu machen, versuchen auch ihre Erprobungsräume zu finden und gerade im Jugendalter ist die Verbindung von jugendlichem Lebensraum und Sozialraum sehr stark, weil ja auch die Konflikte immer sozialräumlich ablaufen. Beispielsweise, wenn Jugendliche zu laut sind. Sie stören auf andere Weise wie Kinder, sie eignen sich Räume viel stärker an, als es Kinder tun von - sehr kreativen Aneignungen - Umwidmungen u.a. bis hin zur gewalttätigen Aneignung in Räumen die verbaut und blockiert sind.


Kurzum glaube ich, dass im Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen das Räumliche und Sozialräumliche eine große Rolle spielt. Daher ist es auch wichtig, dass die Einrichtungen der offenen Jugendarbeit, die Jugendzentren, auch versuchen sich sozialräumlich zu verstehen. Nicht als Einrichtung, die in sich abgeschlossen ist, in der man dann ähnlich wie in der Schule irgendwelche Lernprozesse initiiert und dabei dann oft frustriert ist, weil es eben nicht so gut gelingt, unter anderem, weil sich die Kinder in der Jugendarbeit von der Schule austoben wollen, weil sie das Jugendhaus permanent als Ort umwidmen und das Jugendhaus oft auch anders begreifen als die JugendarbeiterInnen es tun.
Das heißt, das Jugendhaus sozialräumlich zu begreifen, heißt natürlich es als Ort in diesem Lebensraum Jugendlicher und dieser Jugendszene zu verstehen, aber natürlich auch als Teil des städtischen Sozialraumes, in dem Jugendliche aufwachsen. Beides geht ja ineinander über.

FRAGE: Ausgehend vom Jugendzentrum einerseits als Sozialraum, als Szene, als ein Raum unter anderen, andererseits als Rückzugs- und Geborgenheitsraum von dem man weggehen kann um andere Räume zu erfahren, wo man auch Kompetenzen erlernt mit Räumen umzugehen, wie kann da die Angebotsstruktur in einem Haus gestaltet sein.

Es lässt sich ja beobachten, dass es ganz unterschiedliches sozialräumliches Verhalten von Jugendlichen gibt.
Es gibt einerseits Jugendliche, die zu Hause sehr starken Konflikten ausgesetzt sind, zum Beispiel ausländische Jugendliche, Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien u.a. die auf einen Ort angewiesen sind, der ihnen Geborgenheit bringt. Für diese muss man diesen Ort immer als eine Art Fluchtraum von zu Hause betreiben. Das heißt aber nicht, dass man sagt, die sind in einem Jugendzentrum aufgehoben und abgeschlossen, sondern man muss auch versuchen ihnen von diesem Flucht- oder Geborgenheitspunkt aus, eine Art neue selbstständige Erschließung des Stadtviertels zu vermitteln.
Wir haben aber auch besprochen, dass man nicht naturwüchsig in einem Raum aufwächst, sondern man braucht ja auch Kompetenzen, Fähigkeiten, um sich sozialräumlich zu verhalten, um mobil zu sein, um zu wissen, wo was ist, um etwas zu benutzen. Gerade Jugendliche aus der Unterschicht, wo die Eltern mitunter sehr stark isoliert sind, fehlen diese Kompetenzen oft.
Ich denke, daher ist es wichtig, dass JugendhausmitarbeiterInnen, nicht auf diesen Leuten sitzen und froh sind, dass sie da sind’, sondern das Haus als Ausgangspunkt sozialräumlicher Entfaltung nutzen.
Es gibt andererseits Gruppen von Jugendlichen, die sich dem Jugendzentrum gegenüber schon direkt sozialräumlich verhalten d.h., die eigentlich in der Szene leben, wo das Jugendzentrum ein Punkt ist, wo man reinschaut, wo das Jugendzentrum auch eine bestimmte Funktion hat, wo man sich trifft, mitunter aber um draußen etwas anderes zu machen.
Das Jugendzentrum kann in einer Gemeinde oder in einem Stadtviertel auch so eine Art Umschlagplatz sein. Umschlagplatz auch im Sinne der Vernetzung, dass man Jugendlichen aufzeigt, welche Gelegenheiten es noch im Viertel gibt, dass man auch eine sozialräumlich orientierte Beratungs- und Informationsstruktur aufbaut, die nicht unbedingt immer im Jugendhaus stattfinden muß, dies kann ja auch in einer Kneipe oder an anderen Orten sein.

FRAGE: In diesem Zusammenhang hast du darauf hingewiesen, dass sich das Jugendzentrum oder die JugendarbeiterInnen als Teil einer gemeinwesenorientierten sozialen Infrastruktur begreifen müssen, und sich auch von dort aus definieren müßten.

Ja, es muss ein Spannungsverhältnis zwischen dem Raum Jugendzentrum, der jetzt abgesehen von der Bedeutung für die Jugendlichen, auch als örtlicher Raum einen Sinn hat, der ja in sich nicht abgeschlossen oder statisch ist, zum sozialräumlichen Umfeld bestehen.
Ein Jugendzentrum hat immer einen Innen- und einen Außenraum. Und dieser Außenraum muss die sozialräumlichen Qualitäten nach Außen haben.
Von daher glaube ich, dass ein sozialräumliches Konzept der Jugendarbeit nicht nur ein pädagogische Konzept ist. Es ist auch ein Einrichtungskonzept, das darauf abzielt, die Einrichtung mehr sozialräumlich zu verorten, dass man also stärker den sozialräumlichen Aspekt des "Aufmachens" pädagogisch umsetzt.
Es ist sicher auch ein professionelles Konzept und - um auf deine Frage zu kommen - ein berufliches Konzept, das eben davon ausgeht, dass der/die SozialarbeiterIn oder JugendarbeiterIn sozialräumliche Kompetenzen erwerben und entwickeln muß. Nicht nur in dem Sinne, dass man so zu sagen das Haus in die Umgebung verlängert, sich erkundigt, wie es in der Familie des Kindes zugeht, mit welchen Schwierigkeiten man dort kämpft oder wie vermittle ich einem Jugendlichen eine Arbeit, obwohl das sicherlich ein Stück sozialräumlicher Verankerung ist. Aber das Entscheidende daran ist, dass man selbstständig versucht, unabhängig von den Bedürfnissen des Hauses, das Stadtviertel ein Stück zu erschließen, sich zu fragen, welche andere Gruppen es gibt, welche Bedürfnisse andere Gruppen haben, auch in Richtung Räume zu schauen, welche Projekte man mit anderen Gruppen aus dem Stadtgebiet zusammen "aufmachen" könnte, wo das Jugendhaus nicht direkt betroffen ist, wo man aber mitmacht u.s.w.
Da ist natürlich die Frage, wie groß ein Jugendzentrum ist, welche Möglichkeiten hat es, sich auszudifferenzieren. Räume heißt ja nicht nur, dass ein Raum da ist, sondern welche Möglichkeiten stecken in diesen Räumen, kann ich beispielweise Disco machen, kann ich sowohl Rückzugsräume anbieten, kann ich aber auch Raum schaffen wo Information, Beratung, Szenenwechsel möglich ist. Das sind Aspekte, die es im Jugendhaus zu überprüfen gilt.
Wenn es nicht möglich ist viele Dinge gleichzeitig zu machen – diese Gleichzeitigkeit in diesem Innenraum umzusetzen – muss man sich schon fragen, ob sich Jugendhäuser nicht auf eine Gruppe, die jetzt auf diesen Raum angewiesen ist, konzentrieren soll.
Nämlich auf jene z.B. ausländische Jugendliche oder Unterschichtjugendliche, die auf diese Räume angewiesen sind, die sie sehr pflegen, sich festhalten, auch Angst haben sie zu verlieren, wenn andere hereinkommen, ihn auch verteidigen; um dann mit jenen Gruppen, die nicht mehr so sehr an einem Ort angewiesen sind, andere Szenen aufzusuchen. Eher in Vernetzung mit anderen Projekten im Stadtviertel versucht, für diese etwas anderes aufzutun.
Möglich erscheinen in diesem Zusammenhang auch die Durchführung von Projekten, die auch anders finanziert werden können, die in Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen im Viertel, teils auch in Zusammenarbeit mit der Schule organisiert werden könnten, wobei aber eine sozialräumliche Verquickung mit dem Jugendhaus bestehen bleibt.
Außer, man hat die Möglichkeit in dem Jugendhaus deutlich zu machen – und dass muss man stark symbolisieren, dass es auf der einen Seite Räume gibt die Jugendlichen, bestimmten Gruppen gehören und gleichzeitig genügend Raum da ist, wo ein Szenenwechsel möglich ist, indem sich nicht jemand festbeißt, sondern wo Leute kommen und gehen können, ohne dass Spannungen entstehen. Aber das ist eine Frage der Größe und Differenzierbarkeit des Hauses.

FRAGE: Du hast jetzt in einer Woche über die RepräsentantInnen von acht Häusern, zum großen Teil HausleiterInnen, einen Einblick in die Arbeit, in die Konzeption der Jugendzentren bekommen, die natürlich in sich differenzierte Programme und differenziertes Publikum haben. Könntest Du eine Einschätzung abgeben, wie sehr sich die Arbeit, mit der Zielsetzung eines sozialräumlich orientierten Konzeptes, verändern müsste?

Deutlich ist in dieser Woche geworden, dass die Entwürfe der offenen Jugendarbeit sehr stark aufs Haus bezogen sind, dass aber auf der anderen Seite auch immer so die Sehnsucht und auch bestimmte Versuche da sind, diese sozialräumliche Erschließung und Vernetzung ein Stück weiterzutreiben. Vielleicht hat man noch zu wenig Erfahrungen damit gemacht, vielleicht hat man auch noch nicht gespürt, dass langfristig oder mittelfristig eine sozialräumlich bezogene Arbeit auch eine Entlastung für das Haus und für einen selbst darstellt. Am Anfang erscheint es als Risiko, aber nach unseren Erfahrungen ist es nach einiger Zeit eine große Entlastung wenn auch außerhalb des Hauses etwas entsteht. Es ist ja nicht ausgemacht, dass alles im Haus stattfinden muß.
Aber dadurch, dass alle ins Haus reinkommen und die Alternativen sozusagen nicht auf der Straße liegen, sondern erst erschlossen werden müssen, ist die Arbeit sicher sehr ein-richtungszentriert, mit der dauernden Angst, dass man überfordert ist oder von Entwicklungen überrascht wird.
Wir haben in dieser Woche das Gefühl, dass man da etwas machen müßte aufgenommen, auch unter dem Aspekt, dass sich auch der Status der JugendarbeiterInnen, die solche sozialräumlichen Kompetenzen entwickeln, Stadtteilanalyse, Wissen wie sich Sozialgruppen und soziale Probleme entwickeln, über das hinaus, was im Jugendhaus ist, verändern könnte. Solche Kompetenzen können möglicherweise eine ganz andere Stellung gegenüber anderen Institutionen fördern, und dazu beitragen, die Rolle der/des nachrangigen ‚ZwischenraumpädagogIn’ zu verlassen.
Veränderungen können sich aber erst dort ergeben, wo man Anregungen bekommt, wo man Unterstützung bekommt, wo man auch ein Stück abgestützt wird, wenn man solche sozialräumlichen Dinge unternimmt.
Das bedingt aber, dass sich so eine sozialräumliche Ausrichtung auch in der Arbeitsplatzbeschreibung niederschlagen muß, im Arbeitsverständnis, aber auch im Selbstverständnis des Vereins. Diese sozialräumliche Arbeit wie Daten erheben, systematische Erkundigungen machen, Netzwerke aufbauen, hat ja zum Teil oft erst einmal gar nichts direkt mit Jugendlichen zu tun, sondern nur mittelbar. Diese Arbeit müßte als förderliche Arbeit anerkannt werden. Das ist auch ein Forderung an den Verein, der da eigentlich gern gefragt wäre und eigentlich das Forum bilden müßte, sowohl als Unterstützung- als auch als Sensibilisierungsforum, so etwas zu machen.

FRAGE: Zwei Betrachtungsweisen, jetzt etwas aus dem Zusammenhang gerissen haben mich fasziniert. "Gewalt ist ein Moment um Klarheit zu schaffen, um eine Situation genau zu definieren", und auf der anderen Seite "Rumhängen ist Dynamik in Gelegenheitsstruktur, negative Bewegung" - nicht im wertenden Sinne sondern im räumlichen Sinne. Diese beiden Erklärungsmuster, die mit bekannten Erklärungsmustern wenig zu tun haben, erscheinen mir so beispielhaft für den Blickwinkel, den eine sozialräumliche Betrachtung von Kindern und Jugendlichen, die sich in Räumen verorten und erleben, eröffnet.

Wenn man davon ausgeht und auch empirisch davon ausgehen kann, dass sich Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung vor allem sozialräumlich verhalten, dass sozialräumliche Aneignungsprozesse ein wichtiger Punkt sind für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen, für ihr Hineinwachsen in die soziale Welt, dass diese Prozesse mindestens genauso wichtig sind wie die Lernprozesse in der Schule, dann muß man ja auch das Verhalten, welches Heranwachsende zeigen, sozialräumlich erklären können.
Und Verhalten wie z.B. Gewalt kann auch mit einer Störung dieser sozialräumlichen Möglichkeiten zu tun haben. Das heißt, Gewalt kann etwas damit zu tun haben, dass man – wir haben vorhin über mangelnde sozialräumliche Kompetenzen geredet – eine Situation nicht überblickt, in dem Sinne, dass man räumlich orientierungslos ist, sich bedroht fühlt durch diese Orientierungslosigkeit. Gewalt in dem Sinne ist ein Mittel, unübersichtliche Situationen übersichtlich zu machen, wenn man jemanden zusammenschlägt, dann ist die Situation zumindest in der Situation – Jugendlichen denken sehr situationsbezogen und nicht auf Folgen hin, sondern gegenwartsbezogen – dann ist die Situation wieder eindeutig.
Deswegen ist es auch immer so unfaßbar, wie Jugendliche diese Gewaltakte nicht von der moralisch schlechten Seite, sondern eher als Befreiungsakt, so paradox dies klingt, sehen.
Natürlich kann man das Phänomen Gewalt nicht auf diese Betrachtungsweise reduzieren, aber es ist sicher ein wichtiger Aspekt.
Gewalt kann auch mangels anderer Möglichkeit seinen Status, seinen Selbstwert darzustellen, sich in Szene zu setzten, sich zu inszenieren, zu zeigen, wer man ist, die Funktion haben, auf sich aufmerksam zu machen. Gewalt ist ja auch sicher in der Sozialisation angelegt, bei gewalttätigen Jugendlichen spielt natürlich diese Sozialisationserfahrung ‚Gewalt’ eine Rolle, aber es erscheint wichtig für die Jugendarbeit zwei Dinge auseinanderzuhalten:
Einmal die Gewalt als solche, die Folgen, denn Gewalt geht immer auf Kosten anderer natürlich, demütigt andere, wertet andere ab, das zweite ist, dass diese Gewalt eine subjektive Funktion hat, für die, die sie ausüben. Wenn man dies erkennt, muß man es ja nicht gut finden, wenn man aber diese beiden Ebenen nicht auseinanderhält wird man pädagogisch wenig reißen können. Man erreicht sehr wenig, wenn man dem Jugendlichen vorhält, dass er jemanden zusammengeschlagen hat. Ich denke, wenn es möglich ist, bräuchten diese Jugendlichen ‚funktionale Äquivalente’, also Angebote und Möglichkeiten, in denen sie sich eindeutiger verhalten können, ohne Gewalt auszuüben, in denen sie ‚wer’ sein können, ohne das gleich über Gewalt zu sein.
Zum anderen, ‚Rumhängen’ als Form von Bewegung: Jugend charakterisiert sich über sozialräumliche Mobilität, also nichtfunktionale Mobilität, nicht so zielgerichtete Mobilität wie z.B. die des Pendlers, der zur Arbeitsstelle fährt. Die ‚Szene’, verstanden als Gelegenheitsstruktur, ist ja ein sich von Punkt zu Punkt bewegen in Räumen, im Grunde sind ja auch für Jugendliche Sozialräume Gelegenheitsstrukturen und man bewegt sich in diesen Gelegenheitsstrukturen von Punkt zu Punkt. Oft weiß man nicht ob was los ist, aber man vermutet es, und wenn nichts los ist, springt man auf den nächsten Punkt und wenn dort nichts los ist, immer weiter. Jugendkulturelle Räume erscheinen so als dynamische Areale, in denen Bewegung eigentlich immer aktiv oder passiv da ist.
Die Straße ist das entscheidende dynamische Areal und wenn Jugendliche rumhängen an der Straße, oder in Cafes, dann hängen sie ja nicht rum, weil sie nichts tun, sondern es ist oft eine gespannte Stimmung, man wartet auf irgendetwas. Die Straße ist auch der Ort der erhofften Gelegenheiten.
Von daher denke ich, bringen solche sozialräumlichen Kategorien einen bestimmten Blick: ‚Unübersichtlichkeit’, Situationen eindeutig zu machen’, ‚Gewalt die in Räumen steckt’. Das Beschmieren von Wänden ist eigentlich die Gegengewalt zu der Gewalt, die jetzt in diesem Bau steckt, weil er etwas abschneidet oder eine Möglichkeit verbaut. Bei Kindern ist es ja ähnlich, Räume werden zunehmend eingeengt und besetzt und Kinder können sich oft nur wehren, indem sie diese Gewalt mit Gegengewalt beantworten , wenn sie keine direkten Räume finden sich indirekte suchen, sich Erlebnisräume wie den Videokonsum suchen.

Ich danke Dir für deine Ausführungen.

Rückblickend lassen sich die zentralen Ansatzpunkte der intensiven Auseinandersetzung mit der hier vermittelten Pädagogik des Jugendraums im Rahmen der Wiener Jugendarbeit – durchaus als Form eines Paradigmenwechsels – an zwei bis drei Stellen festmachen.
Generell begründete sich die besondere Perspektive des Konzeptes einer sozialräumlichen Pädagogik damit, dass sie offene Jugendarbeit in ein unmittelbares Verhältnis zum sozialräumlichen Umfeld, dem Stadtteil und den subjektiven Lebens- und Handlungsräumen von Kindern und Jugendlichen setzte und damit die Begründung und Praxis der Jugendarbeit (in Jugendzentren) in einen anderen Kontext rückte. Dies sowohl was den Blick auf Jugendliche, als auch was die Einbettung der Jugendarbeit in die Sozialräume Jugendlicher betrifft. Aber auch der sozialräumliche Blick auf die besonderen sozialökologischen Qualitäten der Jugendarbeit, ermöglicht es, ihr ein eigenes (sozial)pädagogisches Profil zu entwickeln.

Der Blick auf Jugendliche richtet sich dabei weniger auf individuelle oder gruppenbezogene Benachteiligung sondern auf ihre sozialräumlichen Zusammenhänge als zentrale Rahmenbedingungen ihres Aufwachsens. Die sozialräumliche Orientierung sieht dabei die Aneignungschancen, -möglichkeiten und -barrieren von Kindern und Jugendlichen – in ihrer lebens- und alltagsweltlichen Wahrnehmung – als zentralen Bezugspunkt der Ausrichtung der Jugendarbeit. Man könnte sagen, dass hier bereits eine stark diversitätsorientierte Perspektive entfaltet wird, weil Jugend(en) in ihren differenzierten Formen der Aneignung und den unterschiedlichen Möglichkeiten der Teilhabe dargestellt werden.

Mit dem Aneignungskonzept konnte aber auch ein geänderter sozialpädagogischer Bezug hergestellt und eine Praxis sozialräumlicher Pädagogik im Sinne einer Erweiterung der Handlungs(spiel)räumen Jugendlicher entwickelt werden. Der Begriff der sozialräumlichen Aneignung – Kern einer Pädagogik des Jugendraums, wie von Lothar Böhnisch oben dargelegt – weist darauf hin, dass Kinder und Jugendliche über vielschichtige und eigenständige Prozesse der tätigen Auseinandersetzung mit ihrer materiellen und symbolischen Umwelten ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten und ihr Wissen ausbilden. Sie entwickeln abhängig von Alter, Geschlecht, Lebenslage etc. über ihre Aneignung der (sozial)räumlich vermittelten Umwelt Kompetenzen und Handlungsfähigkeiten, setzen sich dabei auch mit gesellschaftlichen Werten und Normen auseinander und erfahren räumlich vermittelt bestimmte Formen gesellschaftlicher Teilhabe.
Die Aneignungsperspektive (in der ‚Pädagogik des Jugendraums’ von Ulrich Deinet ausformuliert) eröffnet so einen veränderten Blick auf die Pädagogik in den Einrichtungen, die sich weniger über ‚Angebote für bestimmte Jugendliche’ sondern sozialräumlich vermittelte Arrangements, die Bildungs- und Teilhabespielräume eröffnen, charakterisiert. Jugendarbeit, meint Lothar Böhnisch „muss als Medium von Raumaneignungsprozessen strukturiert werden“.
Vor diesem Hintergrund ist aber auch Jugendarbeit selbst ein „Medium“ von Aneignungsprozessen, ist ein Raum mit besonderen sozialökologischen Qualitäten, den sich Kinder und Jugendliche aneignen und der in einer engen Wechselwirkung zu anderen sozialräumlichen Zusammenhängen des Stadtteils oder der Region steht, in dem/in der Kinder und Jugendliche aufwachsen.

Mit der Verbindung von Aneignung und gesellschaftlichen Bedingungen eröffnet das Konzept aber auch eine bedeutsame politische Dimension. Die Wahrnehmung von struktureller Benachteiligung schreibt der Jugendarbeit ein politisches Mandat zu: Es geht nicht nur darum, isoliert im Mikrokosmos der Jugendeinrichtung Aneignungsmöglichkeiten zu eröffnen, sondern dies auch politisch in öffentlichen Räumen einzufordern und „Lobbying“ zu betreiben.
Dies weist auf eine zentrale Konsequenz der sozialräumlichen Pädagogik und Chance der Jugendarbeit hin: Offene Jugendarbeit fördert – nach außen gewandt – Kinder und Jugendliche bei der vielfältigen Erschließung und Aneignung öffentlicher Räume im Gemeinwesen: Die sozialräumliche Orientierung der Offenen Jugendarbeit heißt eben Kinder und Jugendliche gleichermaßen bei der Erweiterung ihrer Erlebnis- und Erfahrungsräume über die Einrichtung hinaus zu unterstützen und damit die sozialräumlichen Zusammenhänge ihres Aufwachsens als zentrale Ressource ihrer Lebensbewältigung anzuerkennen.

Diese Zugänge – von Lothar Böhnisch in diesem Interview sehr praxisnah ausgeführt – stellen auch heute noch die zentralen Prämissen einer ‚Pädagogik des Jugendraums’ dar, die mittlerweile in vielen Publikationen – und in der Praxis – ausdifferenziert wurde und auch in der aktuellen Diskussionen zur Entwicklung der Jugendarbeit eine tragende Rolle spielt.
Es lohnt sich aber auch die „Pädagogik des Jugendraumes“ wieder zu lesen, weil sie in bemerkenswerter Weise die gegenwärtigen zentralen Themen wie Mediennutzung, politische Bildung, Jugendkulturarbeit, Lobbying, Beratung etc. bereits aufnimmt und grundlegend skizziert. Mit der Perspektive der sozialräumlichen Aneignung und der damit verbundenen Kompetenzentwicklung – auch im Kontext von Lebensbewältigung – ist aber auch ein bedeutender Bezug zur heutigen Bildungsdiskussion gegeben. Lassen sich doch informelle Bildungsprozesse in der Jugendarbeit als typische Prozesse sozialräumlichen Lernens in der Jugendarbeit beschreiben und entfalten.

Für mich selbst war dieses Buch – meine erste Assoziation war damals, es würde sich um die Beschreibung der Arbeit in konkreten Jugendräumen, wie den Jugendzentren handeln – der Schlüssel zu einem völlig anderen Verständnis von Jugendarbeit, welches ich dann auch mit meinen KollegInnen in einer spezifischen Praxis der Wiener Jugendarbeit entwickeln und umsetzen konnte. Das Interview führte aber auch zur Bekanntschaft mit Lothar Böhnisch, aus der sich viele weiteren Fachgespräche in Wiener Kaffeehäusern, vielfältige Seminare im Verein Wiener Jugendzentren, ein Promotionsverfahren zu diesem Thema an der TU Dresden und ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte, dem ich auch sehr viel Wissen und Anregungen verdanke.


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